Arbeitstitel: Die ökologische Neue Rechte in Deutschland, Österreich und der Schweiz (1970-2000)

Projektleitung: Dr. Stefan Rindlisbacher

Dauer: Februar 2022 - Januar 2024

Arbeitsort: Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam & Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien

Finanzierung: Schweizerischer Nationalfonds, Postdoc-Mobility (weitere Informationen...)

Status: laufend

Kontakt: stefan.rindlisbacher@mailbox.org

 

Seit einigen Jahren lässt sich vielerorts ein Aufstieg rechtsextremer Parteien und Bewegungen feststellen. Einige dieser Gruppierungen, wie bspw. die Identitäre Bewegung, nutzen dabei Kommunikations-, Protest- und Mobilisierungsstrategien, die seit den 1970er Jahren im Umfeld der Neuen Rechten entwickelt wurden. Diese Akteure sind zunehmend auch in neuen Umweltbewegungen des 21. Jahrhunderts aktiv und verbreiten Natur-, Gesundheits- und Gesellschaftsvorstellungen, die in der Tradition neurechter Umweltschützer:innen stehen. Beispielsweise wird das Bevölkerungswachstum als Ursache für den Klimawandel oder die Migration nach Europa als Umweltproblem beschrieben. Diese diskursive Verknüpfung zwischen Umweltschutzbestrebungen und rechtsextremer Bevölkerungs- und Identitätspolitik zeigte sich zuletzt auch in Kreisen der sogenannten Querdenker:innen und Impfgegner:innen.

Um diese aktuellen Entwicklungen besser zu verstehen, untersucht die vorliegende Forschungsarbeit die Geschichte der ökologischen Neuen Rechten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zwischen 1970 und 2000. Es soll geklärt werden, inwiefern Umweltschützer:innen wie August Haußleiter, Henning Eichberg, Valentin Oehen oder Hermann Soyka mit neurechten Aktionsformen, Kommunikationsstrategien und Protestaktionen eine „Kulturrevolution von rechts“ anstrebten. Das Forschungsprojekt folgt der These, dass die Neuen Rechten gezielt Umweltdebatten nutzten, sich in Umweltbewegungen engagierten oder eigene Umweltgruppen bildeten, um nationalistische Identitätsvorstellungen, sozialdarwinistische Gesellschaftsentwürfe, biologistische Menschenbilder und konservative Geschlechter- und Familienmodelle zu verbreiten.

Um diese „metapolitische“ Vorgehensweise zu untersuchen, werden innovative Ansätze aus der sozialen Bewegungs- und Milieuforschung genutzt. Auf diese Weise werden neben politischen Aktionen auch ökonomische Aspekte, Konsumverhalten, Lebensstile, soziale Kontakte und Interaktionen mit anderen Bewegungen, Parteien und Wissenschaftler:innen analysiert. Mit dem Konzept der prefigurative politics soll insbesondere untersucht werden, wie neurechte Umweltschützer:innen ausserhalb des staats- und parteipolitischen Feldes einen sozialen und kulturellen Wandel anstrebten und wie sie sich zwischen rechtsextremen, alternativ-ökologischen und lebensreformerischen Milieus bewegten.

Ein Fokus liegt dabei auf der Frage, welche Rolle lebensreformerische Bewegungsstrukturen, Diskurse und Praktiken bei der Theoriebildung und Vernetzung der Neuen Rechten in den Umweltbewegungen spielten. Die Forschungsarbeit folgt der These, dass die Verknüpfung zwischen «Lebensreform» und «Umweltschutz» den Neuen Rechten dazu diente, rechtsextreme Ideologien zu erneuern und damit neue Zielgruppen in alternativ-ökologischen Milieus anzusprechen.

Methodisch nutzt das Forschungsprojekt einerseits einem praxeologischen Ansatz, um nicht nur das Sprechen über Umwelt, Gesundheit, Bevölkerung oder Identität zu analysieren, sondern um auch zu verstehen, wie sich diese Diskurse und damit verbundene rassistische, antifeministische oder antisemitische Einstellungen auf das Verhalten der untersuchten Akteure auswirkten. Andererseits wird eine dezidiert transnationale Forschungsperspektive eingenommen, um die Geschichte neurechter Umweltschützer:innen im deutschsprachigen Raum zu untersuchen. Dazu werden nicht nur die einzelnen Akteure, Organisationen, Verlage und Zeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht, sondern auch deren grenzüberschreitende Kontakte, Vernetzungsprozesse und Transferleistungen.

Das beabsichtigte Forschungsvorhaben wird mit seiner transnationalen Perspektive und dem praxeologischen Zugriff auf die Quellen der Erforschung der ökologischen Neuen Rechten neue Impulse verleihen und sich damit in das seit kurzem wieder anwachsende Forschungsinteresse an der Geschichte des Rechtsextremismus nach 1945 einreihen. Zugleich soll das Projekt auch einen Beitrag zu aktuellen, gesellschaftspolitischen Debatten leisten, indem es den Blick für neurechte Argumentationsmuster, Handlungsstrategien und Unterwanderungsversuche in den Umweltbewegungen des 21. Jahrhunderts schärft.