Margarethenhöhe

Die voranschreitende Industrialisierung und das rasante Bevölkerungswachstum führten im 19. Jahrhundert zu einer stetigen Ausdehnung der urbanen Ballungsgebiete. Fehlender oder überteuerter Wohnraum wie auch die schlechten hygienischen Verhältnisse stellten die Städte vor enorme organisatorische Herausforderungen. Mit dem Ausbau der Kanalisationen und der Frischwasserversorgung wurden zwar die drängendsten Probleme angegangen. Aber vor allem für die Arbeiter und Arbeiterinnen blieb die Situation in den berüchtigten Mietskasernen weiterhin unbefriedigend. Um 1900 wurde deshalb in vielen Industrienationen nach innovativen stadtplanerischen Modellen gesucht, um die Wohnqualität zu verbessern.

Viel Aufsehen erregte die sogenannte Gartenstadtidee: Neue Quartiere mit voll ausgestatteten Arbeits-, Wohn-, Geschäfts- und Erholungsflächen sollten vor den Stadtgrenzen auf die grüne Wiese gebaut werden. Anstelle der dichten Bebauung der bisherigen, oft aus mittelalterlichen Siedlungen hervorgegangenen Industriestädte, verzichteten die Gartenstädte auf eine scharfe Trennung zwischen urbanem und ruralem Raum. Die Nahrungsmittelherstellung in Gärten oder sogar landwirtschaftlichen Flächen sollte auch im städtischen Raum möglich sein. So könnten die Stadtbewohner nicht nur ihre eigenen, gesunden Produkte ernten, sondern sich auch bei der Gartenarbeit  in der frischen Luft von der ungesunden Fabrik- oder stressigen Büroarbeit erholen. Eine Idee, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts vor allem mit den Schrebergärten ausbreitete und sich heute im urban gardening und urban farming widerspiegelt. Die Gartenstadtidee bezweckte aber mehr als eine Verbesserung der individuellen Lebensbedingungen, mit genossenschaftlichen und bodenreformerischen Forderungen zielte sie auch auf eine grundlegende Umgestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens ab. Um die Bodenspekulation einzudämmen, sollte nur der Besitz des Wohneigentums, aber nicht des Bodens möglich sein.

Im Unterschied zu Hellerau, Eden oder Schatzacker gab es viele Projekte, die sich an der Gartenstadtidee orientierten, jedoch andere Ziele und Nutzungsformen anstrebten. Ein passendes Beispiel ist die Margarethenhöhe südlich von Essen. 1906 von der Witwe des Grossindustriellen Alfred Krupp gestiftet, sollte die Siedlung den Arbeitern der Kruppwerke bezahlbaren Wohnraum ausserhalb der stark umweltbelasteten Zentren des Ruhrgebiets zur Verfügung stellen. Die Margarethenhöhe übernahm zwar die geschlossene Siedlungsform der Gartenstadtidee und stellte grosszügige Grünflächen zur Verfügung, die gesellschaftsreformerischen Ziele wurden jedoch weitgehend ausgeklammert. Nur Angestellte der Kruppwerke durften eine Wohnung in der Siedlung mieten. Das hatte eine homogenisierende und exkludierende Wirkung auf die Bewohner, die sich noch heute im Stadtbild niederschlägt. So ist es nicht überraschend, dass die Siedlung im Unterschied zu ähnlichen Projekten nie eine vergleichbare Anziehungskraft auf Kunstschaffende, Kreative und Intellektuelle ausüben konnte und auch in der Geschichte der Lebensreform keine Rolle spielte. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, dass Konzepte aus dem Umfeld der Lebensreformbewegung schon im frühen 20. Jahrhundert in andere Bereiche der Gesellschaft diffundierten. Viele Aspekte der Gartenstadtidee fanden im Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts Einzug in den Städtebau. Urbane Grossprojekte im Grünen wie die geplante Siedlung Oberbillwerder in Hamburg verweisen auf die anhaltende Aktualität der Gartenstadtidee. Schliesslich gilt es auch heute wieder Probleme wie die zunehmende Wohnungsnot zu bekämpfen.

 

Weitere Informationen zur Margarethenhöhe...

Zur Aktualität der Gartenstadtidee...

 

Lebensreform in Berlin

Bioläden, Öko-Wochenmärkte und vegane Kaffees – seit einigen Jahren boomen in einschlägigen Berliner Stadtteilen die Konsumangebote für die grün-nachhaltige Grossstadtjugend, ökosensible BesserverdienerInnen und die verblieben Alt-Hippies. In kaum einer anderen europäischen Stadt konnte sich der urbane Lifestyle mit naturromantischem Anstrich so gut etablieren. Schon in der Zwischenkriegszeit des letzten Jahrhunderts erfasste ein sehr ähnliches Phänomen die deutsche Hauptstadt. Aus dem Taumel der Nachkriegszeit entwickelte sich Berlin zu einem Biotop neuer Bewegungen und Subkulturen. Auch die Lebensreform traf auf ideale Bedingungen: Mit ihren euphorischen Ernährungs- und Körperutopien, den neuartigen Erziehungsmethoden, spirituellen Alternativangeboten und vielfältigen Konsumwelten traf sie in Berlin auf grosses Interesse. Reformhäuser und vegetarische Restaurants befriedigten die alltäglichen Bedürfnisse der gesundheitsbewussten Klientel. Frische Produkte erhielten sie unter anderem von der 1893 gegründeten Obstbausiedlung Eden in Oranienburg. Das lebensreformerische Musterprojekt war die ideale Projektionsfläche für die „Zurück-zur-Natur“-Fantasien der Grossstädter. Heute wie damals wagten jedoch die Wenigsten den Schritt in das andere Leben. Die viel kritisierte Grossstadt bot und bietet zu viele Vorteile. So beschränkte sich die Natursehnsucht schon damals auf leicht erreichbare Freizeit- und Ferienangebote. Beispielhaft waren die FKK-Vereine im brandenburgischen Umland. Vor allem der Motzener See entwickelte sich zu einem Hotspot der Nacktbadenden. Tausende BerlinerInnen pilgerten in jeder freien Stunde an seine Ufer. Bis heute gibt es in der brandenburgischen Wald- und Seelandschaft unzählige FKK-Gelände, -Bäder und -Campings.

Wer sich auf den Spuren der Lebensreform in Berlin begeben möchte, sollte auch einen Abstecher nach Woltersdorf machen. Dort baute der bekannte Jugendstilkünstler und Illustrator der Lebensreform Hugo Höppener alias Fidus 1907 das sogenannte Fidushaus. Ähnlich wie Oranienburg liegt Woltersdorf unweit der Stadtgrenzen Berlins. Fidus war Mitglied der „Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft“, die sich für naturnahe Siedlungsprojekte einsetzte. Wegen dem rasanten Wachstum vieler europäischer Städte um 1900 war man nicht nur in Deutschland auf der Suche nach neuen, urbanen Wohnformen. Bei Fidus und anderen deutschen Vordenkern der Gartenstadtidee vermischten sich die Siedlungskonzepte mit völkisch-rassistischen Menschenzüchtungsfantasien. Projekte wie die „Heimland“-Siedlung im Norden Brandenburgs blieben jedoch ohne langfristigen Erfolg. Pragmatischere Ansätze haben sich hingegen in der Stadtplanung etabliert. Das „Fidushaus“ sollte im Jahr 2000 zu einem „Museum der deutschen Lebensreform“ umgebaut werden. Nachdem die Vorbereitungen schon weitgehend abgeschlossen waren, scheiterte das Vorhaben an bürokratischen Hindernissen. Eine kleine Ausstellung über Fidus gibt es im Woltersdorfer Heimatmuseum zu sehen. Zudem lässt sich in der Schleusenstrasse ein von Fidus gestaltetes Weltkriegsdenkmal besichtigen.

Immer wieder ein Besuch wert ist auch das Bröhan Museum beim Schloss Charlottenburg. Die Sammlung mit Werken aus dem Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus wird mit internationalen Wechselausstellungen ergänzt. Wie schon in anderen Blog-Beiträgen deutlich wurde, gab es zwischen der Lebensreform und diesen Kunstbewegungen nicht nur thematische Überschneidungen, sondern auch vielfältige personelle Kontakte und Freundschaften.

 

Aryana-Siedlung Herrliberg

Um 1900 breiteten sich in den westlichen Gesellschaften verschiedenste neureligiöse Bewegungen aus. Während die voranschreitende Säkularisierung die traditionellen Bindungen an religiöse Institutionen lockerte, öffneten sich in der individualisierten Konsumgesellschaft immer weitere Räume für neue Glaubenssysteme. Viele orientierten sich an asiatischen Religionen und Philosophien, andere stützten sich auf  neopaganische „Naturreligionen“ oder versuchten die monotheistischen Religionen zu „erneuern“. Zu den bis heute bekanntesten Neuschöpfungen dieser Zeit gehörte die Theosophie und Anthroposophie. Unheilvoll wirkten sich in späteren Jahren die völkischen Germanenreligionen und das sogenannte Deutschchristentum aus.

In diesem religiösen Schmelztiegel aus Freikirchen, Neuheidentum, Esoterik und Okkultismus breitete sich auch die Mazdaznan-Bewegung aus. Erste Niederlassungen wurden um 1900 in den USA gegründet. Später breitete sich Mazdaznan auch in Europa aus. Die Lehre bezieht sich auf den Zoroastrismus, der sich im iranischen Kulturraum vor über 2‘500 Jahren etablierte, verwendet aber auch Elemente aus verschiedenen anderen Religionen wie dem Buddhismus und dem Christentum. Mazdaznan stützt sich auf spezifische Körper- und Atemübungen in Anlehnung an Tantra- und Yogapraktiken und eine strenge, vegetarische Ernährungslehre mit Trennkost und Vollkornprodukten. Daraus ergaben sich starke Überschneidungen mit der lebensreformerischen Lebensweise und entsprechende Kontakte zu Akteuren und Vereinigungen aus der Lebensreformbewegung.

Die Schweiz entwickelte sich ab 1915 zum europäischen Knotenpunkt der Mazdaznan-Bewegung. In Herrliberg am Zürichsee wurde ein erster Versammlungsraum mit Küche und Übernachtungsmöglichkeiten aufgebaut. Später folgte eine Druckerei für den Aryana-Verlag und ein Versandhaus für Gebäck und Körperpflegeprodukte. Bis zu 200 Menschen lebten in den 1920er Jahren in der Siedlung. Zu den bekanntesten Bewohnern gehörte zwischen 1923 bis 1926 der Bauhaus-Lehrer Johannes Itten. Mit der "Ontos"-Kunstschule und -Werkstätte für Handweberei baute er die Aryana-Siedlung 1923 weiter aus. Auch die bekannte Ausdruckstänzerin Suzanne Perrottet, die sich zuvor in Rudolf von Labans Tanzschule auf dem Monte Verità aufhielt, hat einige Zeit in Herrliberg gelebt. Vertreter der Schweizer Lebensreformbewegung wie Werner Zimmermann und Max Bircher-Benner bekundeten gewisse Sympathien für die Mazdaznan-Bewegung, lehnten die Vereinigung jedoch wegen ihrer stark reglementierten und hierarchisierten Struktur als „Sekte“ ab. Mit dem Verkauf einiger Gebäude löste sich die Aryana-Siedlung 1930 auf, bis heute weisen aber immer noch einige Strassennamen auf die Siedlung hin. Zudem lassen sich mehrere Gebäude mit ihren typischen Gartenanlagen besichtigen.

Jugendburg Ludwigstein

 

Die Burg Ludwigstein (Hessen, bei Kassel) wurde 1415/16 als Grenzbefestigung und Verwaltungssitz errichtet. Bis 1604 wurde sie laufend mit Wohn- und Arbeitsquartieren erweitert. Als 1664 der Sitz der Verwaltung nach Witzenhausen verlegt wurde, verlor die Burg an Bedeutung. Bis ins 19. Jahrhundert diente sie der landwirtschaftlichen Nutzung des Umlandes. Dann folgte der allmähliche Rückbau der Anlage.

Als um 1900 die Wandervogelbewegung aufkam, wurde die Region zum beliebten Ausflugsziel. Auf dem Hohen Meißner – knapp 15 Kilometer von der Burg entfernt – fand 1913 der "Erste Freideutsche Jugendtag" statt. 2‘000 bis 3‘000 Jugendliche aus den verschiedensten Jugendgruppen trafen sich dort zu einem „Fest der Jugend“. In diesem ersten, grossen Zusammentreffen der Jugend als abgrenzbare Sozialgruppe forderten die TeilnehmerInnen mehr Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und "innere Wahrhaftigkeit" für ihre Altersgenossen. Diese „Meißner-Formel“ sollte die Jugendbewegung für Jahrzehnte prägen. Das alkohol- und tabakfreie Fest war aber auch ein erstes Fanal einer neuen, lebensreformerischen Lebensweise, die vor allem bei den Jugendlichen viel Anklang fand. Die bis dahin stark zerfallene Burg Ludwigstein wurde 1920 von Mitgliedern der Jugendbewegung gekauft und zur Jugendherberge ausgebaut. Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt wurde, befand sich die Burg plötzlich an der stark bewachten innerdeutschen Grenze. Trotzdem blieben die Jugendgruppen weiterhin aktiv und belebten ihre „Jugendburg“ in der Nachkriegszeit durch Ferienlager und Jugendtreffen wieder neu.

Weil die Jugendbewegung schon sehr früh an ihrer eigenen Historisierung arbeitete, wurde bereits 1922 das „Reichsarchiv der deutschen Jugendbewegung“ auf der Burg gegründet. Nachdem die Nationalsozialisten die Bestände 1941 nach Berlin verlegten, ging die Sammlung in den Zerstörungen des Krieges verloren. Schon 1946 folgte jedoch der Wiederaufbau des Archivs. Heute gehört das „Archiv der deutschen Jugendbewegung“ zu den wichtigsten Anlaufstellen für die historische Jugendforschung. Auch Quellen zur Lebensreform sind reichlich vorhanden. Die alljährliche Tagung auf der Burg bietet nicht nur die Möglichkeit, die aktuelle Forschung zu verfolgen, der Aufenthalt in der Jugendherberge und ein Spaziergang in Richtung des Hohen Meißners lässt die Geschichte der Jugendbewegung erfahrbar werden. 

Noch bis zum 30. September 2017 ist im Archiv eine kleine Ausstellung unter dem Titel "Gegen Sumpf und Fäulnis – leuchtender Menschheitsmorgen“ zu sehen. Es geht um die vielfältigen Verbindungen zwischen der Jugend- und Lebensreformbewegung. Ein Bericht zur letzten Tagung „Avantgarden der Biopolitik. Jugendbewegung, Lebensreform und Strategien ‚biologischer Aufrüstung‘" gibt es auf Zeitgeschichte-online.

 

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Nachklang "Tiere essen"

Zwischen dem 16. November und 7. Dezember haben wir im Rahmen des SNF-Projekts «Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert» und in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Allgemeine Moraltheologie und Ethik der Universität Fribourg unsere zweite Vorlesungsreihe durchgeführt. Nachdem im letzten Jahr unter dem Titel „Anders leben / Vivre autrement“ vier Referate zu lebensreformerischen Lebensentwürfen stattfanden, haben wir uns diesen Herbst ganz auf den Fleischkonsum und -verzicht konzentriert.

Der Vegetarismus war eines der Verbindungsstücke, das die ansonsten sehr unterschiedlichen Akteure der Lebensreform miteinander verband. Ob in der Naturheilkunde, der Freikörperkultur oder der Ernährungsreform – die vegetabile Ernährung war eine entscheidende Praktik in der selbstgewählten Lebensweise der Lebensreformer und Lebensreformerinnen. Heute besitzen alle Supermärkte, Discounter und Grossverteilen fleischfreie Produktlinien. Aber schon um 1900 entstanden im Umfeld der Lebensreformbewegung die ersten vegetarischen Restaurants und Pensionen wie auch Reformhäuser mit spezialisierten Nahrungsmitteln. So kam es schon in den 1920er und 1930er Jahren zum ersten Vegetarismus- und Rohkost-Boom, der weit über die lebensreformerischen Kreise hinausreichte.

Die Argumente für eine fleischfreie Ernährung sind heute wie damals sehr vielfältig. Sie reichen von gesundheitlichen, über tierethische und religiöse bis zu ökonomischen und ökologischen Standpunkten. Um diesen komplexen Diskussionen über die Nutzung der Tiere als Nahrungsmittel auf den Grund zu gehen, haben wir für die zurückliegende Vortragsreihe einen interdisziplinären Ansatz gewählt. Wir haben uns nicht nur mit den historischen Entwicklungen des Fleischkonsums beschäftigt, sondern auch die ethischen Debatten über die Rechte der Tiere reflektiert, die theologischen Dimensionen kennengelernt und über die aktuellen Praktiken diskutiert.

Wie schon die letzte Vortragsreihe haben auch die neuen Veranstaltungen grosses Interesse, sowohl bei Studierenden, dem Mittelbau und den ProfessorInnen, aber auch bei ausserakademischen BesucherInnen hervorgerufen. Das führte zu einer gesellschaftlichen Durchmischung, die man selten bei kleinen, universitären Anlässen findet. Nicht nur für die Wissensvermittlung, auch für die engagierten Diskussionen war das ein grosser Gewinn. Sehr gefreut haben wir uns auch, dass die abschliessende französischsprachige Veranstaltung genauso gut aufgenommen wurde wie die deutschsprachigen Referate. Wie immer kam auch das selbergemachte Buffet sehr gut an. Damit erfüllte auch das morgendliche Waschen, Rüsten, Schnippeln und Schneiden von Gemüse, Früchten, Käse und Brot seinen Zweck.

Worpswede

Nördlich von Bremen liegt das Teufelsmoor. Die Gegend war vor der Besiedlung im 18. Jahrhundert kein besonders einladender Ort. Die feuchte, undurchdringliche und wenig fruchtbare Landschaft blieb bis ins 20. Jahrhundert nur dünn besiedelt. Für die Bewohner war das Leben im Teufelsmoor ein alltäglicher Kampf gegen die unwirklichen Bedingungen, für Aussenstehende erschien die Moorlandschaft als Refugium einer urwüchsigen Natur. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für Freilichtmalereien liessen sich die Maler Otto Modersohn (1865-1943), Fritz Mackensen (1866-1953) und Hans am Ende (1864-1918) in Worpswede - inmitten dieser Naturlandschaft - nieder. Die 1889 gegründete Künstlerkolonie wurde zu einem wichtigen Knotenpunkt des deutschen Jugendstils, später auch des Impressionismus und Expressionismus. Zu den bekanntesten Bewohnern der Kolonie gehörte der 1894 zugezogene Bremer Künstler Heinrich Vogeler (1872-1942). Sein Wohn- und Arbeitshaus – der sogenannte Barkenhoff – entwickelte sich um 1900 zum Anziehungspunkt für Kunstschaffende. Bekannte Besucher waren unter anderem Rainer Maria Rilke und seine Frau Clara Rilke-Westhoff. Nach dem Ersten Weltkrieg machte Vogeler aus dem Barkenhoff eine selbstversorgende Siedlungskommune mit Arbeitsschule. Mit einem reformpädagogisch und lebensreformerisch inspirierten Erziehungsprogramm versuchte er einen „neuen Menschen“ zu erschaffen, der den Grundstein für eine egalitäre, herrschaftsfreie Gesellschaft bilden sollte. Nach inneren Zerwürfnissen über ideologische Fragen und finanziellen Schwierigkeiten in Folge der Hyperinflation der Nachkriegszeit wurde die Kommune nach wenigen Jahren wieder aufgelöst. Bis 1932 führte die kommunistische Roten Hilfe im Barkenhoff ein Erholungsheim für Kinder. Die Nationalsozialisten erklärten dann viele Bilder der Worpsweder Künstler und Künstlerinnen für "entartet". Vogeler wanderte schon Anfang der 1930er Jahre in die Sowjetunion aus, andere Bewohner der Siedlung sympathisierten hingegen mit dem völkischen Kunstverständnis und liessen sich in das NS-System einspannen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Künstlerkolonie beinahe vergessen. Erst in den 1980er Jahren kaufte die Gemeinde Worpswede den Barkenhoff und wandelte ihn in ein Museum um. In den darauffolgenden Jahren wurden auch viele weitere Gebäude der Kolonie saniert und öffentlich zugänglich gemacht. Heute präsentiert sich Worpswede als „Künstlerdorf“ mit mehreren Museen und vielen kleinen Galerien. Auch Künstler und Künstlerinnen leben und arbeiten wieder im geschichtsträchtigen Dorf im Teufelsmoor.

Hier geht es zur Website der Worpsweder Museen...

Schatzacker Bassersdorf

In den frühen 1930er Jahren versinkt die Schweiz immer tiefer in der Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsencrash im Oktober 1929 in New York ihren Anfang nahm. Einige Lebensreformer und Lebensreformerinnen sahen in der anhaltenden Stagnation der Schweizer Wirtschaft eine historische Gelegenheit, um ihre Ideen von naturnahem Wohnen, genossenschaftlichem Bauen und freiwirtschaftlichen Bodenreformen zu verwirklichen. Zusammen mit Rudolf Müller und Paul Enz gründete Werner Zimmermann 1932 die Siga (Siedlungs- und Gartenbau-Genossenschaft), um in Bassersdorf bei Zürich eine Gartenstadtsiedlung aufzubauen. Bis 1937 umfasste die Siedlungsfläche 8,5 Hektar Land. Neben Einfamilienhäusern waren Handwerksbetriebe wie eine Töpferei, eine biologische Gärtnerei, ein Volkshochschulheim und gemeinschaftliche Nutzflächen für Spielplätze, Anbauflächen und Versammlungsorte geplant. Wie schon auf dem FKK-Gelände in Thielle am Neuenburgersee wurden auch die Siedler und Siedlerinnen in Bassersdorf zur vegetarischen Lebensweise ohne Alkohol und Tabak verpflichtet. Durch die regelmässigen Vorträge, Kurse und Feste entwickelte sich der Schatzacker bald zu einem Fixpunkt der Schweizer Lebensreformbewegung. Heute verändert sich die Gestalt der Siedlung immer schneller. Die stadtnahe Lage mit ihren vielen Naherholungsorten und der guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr hat in den letzten Jahren einen veritablen Bauboom ausgelöst. Einige Gebäude der alten Siedlung sind aber noch übrig geblieben. Weshalb sich ein Besuch für alle lohnt, die sich für die Geschichte der Lebensreform in der Schweiz interessieren.

Diefenbach auf Capri

Die Insel Capri, unweit vor der Küste Neapels, gehörte um 1900 – ähnliche wie der Monte Verità in Ascona – zu den transnationalen Treffpunkten der Intellektuellen, Kunstschaffenden und Bohemiens wie auch der Lebensreformer und Lebensreformerinnen in Europa. Bekannte Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke oder Maxim Gorki waren ebenso wie der deutsche Industrielle Friedrich Alfred Krupp und der erste Nobelpreisträger für Medizin, Emil Adolf von Behring, längere Zeit auf Capri. Später versammelte Filippo Tommaso Marinetti die Futuristen auf der Insel vor Neapel. Einige Maler wie Hans Paule oder Otto Sohn-Rethel liessen sich dort für viele Jahre nieder. Nach Skandalen, juristischen Auseinandersetzungen und finanziellen Engpässen verschlug es auch den deutschen Symbolisten und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach auf die italienische Insel. Ab 1899 bis zu seinem Tod im Jahr 1913 lebte und arbeitete der „Kohlrabi-Apostel“ auf Capri. Unschwer lassen sich auf vielen Bildern aus dieser Zeit die steilen Küsten mit der rauen See und die berühmten Grotten der Insel erkennen.

In der Certosa di San Giacomo gibt es eine Dauerausstellung mit Werken Diefenbachs und einen wunderbaren Blick auf die beeindruckenden Naturkulissen, die vor über 100 Jahren nicht nur Diefenbach zum Verweilen auf Capri veranlassten.

Modernisme in Barcelona

Um 1900 breitete sich in ganz Europa ein neuer Kunst- und Architekturstil aus, der sich sowohl gegen den wenig innovativen Historismus als auch die kalte Industriemoderne positionierte. Ob als Jugendstil, Art nouveau oder Arts & Crafts – überall war man auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in der Moderne. Die geschwungenen Linien und Ornamente orientierten sich meist an Vorbildern in der Natur wie Pflanzen und Tiere, aber auch geometrische Formen und Wellenbewegungen waren häufig verwendete Motive.

 

In Katalonien wurde diese Bewegung Modernisme genannt. Als einer der Hauptvertreter ist Antoni Gaudí (1852-1926) zu nennen. Seine Gebäude gehören heute vor allem in Barcelona zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten. Die ornamentalen Verzierungen erinnern an die Wiener Secession oder die Darmstädter Künstlerkolonie. Wenn man die Sagrada Família betritt, könnte man sich auch in einen nie gebauten Tempel von Fidus versetzt fühlen. Die organische Architektur erinnert aber auch an das Goetheanum in Dornach. Noch deutlicher werden die Verbindungen bei den Möbeln und kunstgewerblichen Produkten: Das kleine Museu del Modernisme Català unweit der Passeig de Gràcia bietet einen schönen Einblick in diese Arbeiten.

 

Antoni Gaudí trank keinen Alkohol und war strikter Vegetarier. Vor allem in späteren Jahren pflegte er eine Lebensweise, die den Idealen der Lebensreformbewegung entsprach. Es gibt sogar Hinweise, dass sich Gaudí mit den Schriften des deutschen Naturheilers Sebastian Kneipp (1821-1897) beschäftigte.

Tagung und Exkursion in Wien

Rückblick auf die Tagung "Ein ungleiches Paar – Arbeit und Freizeit in Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts", Universität Wien (21.01.2016 - 23.01.2016).

 

Zur Lebensreform gehörten vor allem veränderte Alltagspraktiken im Bereich der Ernährung, Kleidung, Körperpflege und Gesundheitsbehandlung. Viele lebensreformerische Handlungsanweisungen zielten auf die individuelle Lebensweise. Das bedeutet aber nicht, dass gesamtgesellschaftliche Fragestellungen keine Rolle spielten. Gerade der Blick auf die Problematisierung von Arbeit und Freizeit macht deutlich, wie stark das lebensreformerische Milieu auf soziokulturelle Trends reagierte. Viele lebensreformerische Aktivitäten wurden überhaupt erst durch die allmähliche Zunahme der Freizeit im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglicht. Gleichzeitig wurde die frei werdende Zeit spätestens in den 1920er Jahren immer stärker als Bedrohung der lebensreformerischen Gesundheitsideale wahrgenommen. Die Tagung an der Universität Wien machte deutlich, dass sich die LebensreformerInnen damit in einem illustren Kreis bewegten. Ob für staatliche, wirtschaftliche oder pädagogische Akteure, die frei werdende Zeit sollte durch Regulierung und/oder Selbstdisziplinierung so schnell wie möglich unter Kontrolle gebracht werden. Aus lebensreformerischer Perspektive sollte die Freizeit nicht aus frei verfügbarer Dispositionszeit bestehen, sondern die Gestalt einer regulierten, gesundheitsfördernden Obligationszeit annehmen. Letztlich ging es um die Steigerung der Arbeitsleistung während der Freizeit. Kaum hatten die Menschen sich mehr Freizeit erstritten, lösten sich die Grenzen zwischen diesen Räumen schon wieder auf. Damit ist auch die vielbeklagte Entgrenzung von Arbeit und Freizeit nicht nur ein Phänomen unserer digitalisierten Epoche, sondern kann auf eine lange Vorgeschichte zurückblicken.

 

Nach der Tagung blieb noch ein wenig (Frei-)Zeit, um den Spuren der Wiener Moderne zu folgen. Wie die Ausstellung „Künstler und Propheten – Eine geheime Geschichte der Moderne 1872-1972“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und der dazugehörige Ausstellungskatalog (Hrsg. von Pamela Kort und Max Hollein, Köln 2015) sehr schön gezeigt haben, gibt es vielfältige Verbindungen zwischen lebensreformerischen Künstlern wie Karl Wilhelm Diefenbach und Fidus mit Vertretern der Wiener Moderne wie Gustav Klimt und Egon Schiele. Unter anderem habe Diefenbach mit seinem Wandfries Per aspera ad astra Gustav Klimts Arbeit am weltberühmten Beethoven-Fries in der Wiener Secession beeinflusst. Wobei nicht nur auf die ähnliche Auswahl der Themen und Motive hingewiesen wird, sondern auch auf die Selbstinszenierung der Künstler als Propheten. Nicht zuletzt lässt sich auch anhand der heute noch erhaltenen Jugendstilbauten in Wien erkennen, wie stark sich die Reformbewegungen im frühen 20. Jahrhundert in ganz Europa gegenseitig beeinflussten.

Workshop Freiburg

Rückblick auf den Workshop "Von der Lebensreform- zur Alternativbewegung" am 30. Oktober 2015 an der Universität Freiburg.

 

Seit Wolfgang Krabbe in den 1970er Jahren die lebensreformerischen Akteure zum ersten Mal in spezifische und periphere Teilbereiche einordnete, haben Generationen von Forschern und Forscherinnen nach einer sinnvollen Beschreibung der disparaten Ideen und Praktiken der Lebensreformbewegung gesucht. Am 30. Oktober 2015 trafen sich gleich mehrere dieser Generationen an der Universität Freiburg um über die Zukunft dieser Forschungsrichtung in der Schweiz zu sprechen. Da es im Unterschied zu Deutschland bis heute kaum Forschungsliteratur zur Lebensreform in der Schweiz gibt, stehen Forschende nicht nur vor der Frage, wie sie ihren Untersuchungsgegenstand im weitläufigen Spektrum der Lebensreformbewegung verorten können, sondern auch vor dem Problem, dass lebensreformerische Akteure in den Narrativen der bisherigen Geschichtsschreibung der Schweiz praktisch unsichtbar sind. Das gilt nicht nur für lebensreformerische Gruppierungen, Bewegungen und Milieus, sondern insgesamt für weite Teile des „alternativen“ oder „gegenkulturellen“ Spektrums der Schweizer Gesellschaft. Der Workshop hat deshalb nicht nur Entwicklungen und Kontinuitäten lebensreformerischer Akteure betrachtet, sondern auch nach personellen Verbindungen und inhaltlichen Überschneidungen mit verwandten Forschungsbereichen gefragt. Neben den beiden Doktorierenden des Forschungsprojekts „Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“ nahmen deshalb auch drei Doktorierende mit Dissertationsprojekten zur Theosophie, Sexualreformbewegung und Alternativbewegung der 1970er Jahre teil.

Komplementiert wurde die Runde durch einige ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der Lebensreform- und Alternativbewegungen. Mit Ulrich Linse (München) konnten wir einen der Pioniere dieser Forschungsrichtung einladen. Mit seinen Studien über die deutschen „Landkommunen“, „Barfüßigen Propheten“ und seiner „Geschichte der ökologischen Bewegungen in Deutschland“ hat Ulrich Linse die historische Erforschung „linksalternativer“ Bewegungen geprägt. Ebenso einflussreich sind Uwe Puschners (Berlin) Beiträge zur Geschichte völkischer und neureligiöser Akteure. Seine Habilitationsschrift über die „völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich“ gehört zu den Standardwerken dieser Forschungsrichtung. Kaum jemand hat sich in der Religions- und Geschichtswissenschaft so intensiv mit Theosophie, Anthroposophie und Spiritismus beschäftigt wie Helmut Zander (Freiburg). Mit seiner Teilnahme am Workshop konnte auch über die Verbindungen zwischen  Theosophie, Lebensreform- und Alternativbewegungen im 20. Jahrhundert eine fachkundige Diskussion stattfinden. Als wissenschaftlicher Leiter des  Forschungsprojekts „Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“ kennt sich Damir Skenderovic (Freiburg) nicht nur mit lebensreformerischen Akteuren aus, mit seinen Arbeiten zu 1968 sowie den neuen Linken und Rechten spannt er auch den Bogen zu den Alternativbewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Leider konnte Patrick Kury (Bern) nicht am Workshop teilnehmen. In seiner Arbeit über die „Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout“ beschreibt er lebensreformerische Bewältigungsstrategien in der „modernen Leistungsgesellschaft“. Damit gehört er zu den wenigen Historikern in der Schweiz, die sich bereits mit Lebensreform beschäftigt haben.

 

Die fünf Referate des Workshops wurden jeweils durch kurze Kommentare und ausführliche Diskussionen abgerundet. Den Anfang machte Judith Bodendörfer (Freiburg) mit ihrem Referat über die Interdependenz von Theosophie und Humanwissenschaft um 1900. Die 1875 gegründete Theosophische Gesellschaft versuchte die westliche Naturwissenschaft mit östlicher Spiritualität zu kombinieren. Die aufgeklärte, rationalistisch-materialistische Weltdeutung sollte durch esoterische Wissensbestände ergänzt werden. Nicht eine vormoderne, wissenschafts- und technikfeindliche Gesellschaft wurde damit herbeigesehnt, sondern eine andere Moderne, die eine „Versöhnung“ zwischen Wissenschaft und Religiosität, zwischen Mensch und Natur ermöglichen sollte. Nicht nur die TheosophInnen suchten in den buddhistischen und hinduistischen Wissensbeständen nach einer „ganzheitlichen“ Deutung des Menschen und seiner Umwelt. Auch für die Jugend- und Lebensreformbewegung ging nach den erschütternden Erfahrungen des Weltkrieges der Blick nach Osten. Die Mazdaznan-Bewegung ist nur eine von vielen Verbindungen zwischen Lebensreform und Theosophie. Aber auch die Begeisterung der Alternativ- und Hippiebewegung für hinduistische Körperpraktiken und indische Gurus in den 1960er- und 1970er Jahren erscheint in der longue durée-Perspektive als Fortführung tradierter Handlungsmuster. Geht man davon aus, dass die Auswahl, Übersetzung und Neukonfigurationen religiöser Schriften durch theosophische Akteure, die Rezeption asiatischer Religiosität im 20. Jahrhundert nachhaltig beeinflusst haben, ist es plausibel, dass sich die Wege der TheosophInnen, LebensreformerInnen und Hippies gekreuzt haben.

Weiter ging es mit Judith Grosse (Zürich) und dem Thema Das ‚Exotische‘ in der Sexualreformbewegung – Differenz, Kritik und Begehren in deutschen Ehereformzeitschriften (1925-1933). Ähnlich wie die Theosophie versuchte auch die Sexualreformbewegung die westlichen Wissensbestände mit „exotischem“ Wissen zu erweitern. Die Auflösung religiöser Autoritäten und Gewissheiten durch Verwissenschaftlichung und Historismus erzeugte ein Klima der Unsicherheit. Je mehr Geheimnisse der menschliche Körper Preis gab, desto stärker wurden Sexualität, Fortpflanzung und Partnerschaft zu profanen Alltäglichkeiten. Kaum verwunderlich verlor die „Heiligkeit“ der Ehe im Zeitalter der Evolutionstheorie an Strahlkraft. Die Sexualreformbewegung arbeitete an dieser Entzauberung des Sexuellen tatkräftig mit. Wie bei der Theosophie begann damit aber auch die Suche nach neuen Gewissheiten: Bei aussereuropäischen Kulturen – unter anderem in Indien – wurde nach anderen, „natürlicheren“ Formen der Sexualität und Partnerschaft gesucht. Gerade für die lebensreformerische Freikörperkultur war diese Neukonfiguration der Sexualität von entscheidender Bedeutung. Nicht selten wurde die „Wissenschaftlichkeit“ der eigenen Überzeugungen mit Hinweis auf VertreterInnen der Sexualreformbewegung legitimiert. Gleichzeitig steigerte sich mit der vollständigen Enthüllung des menschlichen Körpers die Entzauberung des Sexuellen zur Entsexualisierung des Körperlichen. Auch hier versprach der Blick auf die „fremden Kulturen“ eine Lösung: Durch „exotische“ Sexualpraktiken wie Tantra oder Karezza konnte der entsexualisierte Körper auf einer spirituellen und damit unverfänglichen Ebene wieder erotisch aufgeladen werden. Eine Handlungsweise, die bis in die Gegenwart immer wieder neue Konjunkturen erlebt.

Dann folgten die beiden Referate zur „Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“. Ich konzentrierte mich dabei auf den Zusammenhang zwischen Jugend- und Lebensreformbewegung. So gab ich meinem Referat den Titel «Zur Jugendbewegtheit gehört die Zielrichtung der Lebensreform. Die Konstruktion einer lebensreformerischen Weltanschauung in der ‚TAO‘-Zeitschrift (1924-1937)». Das Zitat stammt vom Schweizer Lebensreformer Werner Zimmermann. Wie kaum ein anderer hat Zimmermann die Lebensreform in der Schweiz der Zwischenkriegszeit geformt und nachhaltig geprägt. In seiner TAO-Zeitschrift versuchte er die Umgestaltung der jugendlichen Protestbewegung in eine lebensreformerische „Freiheitsbewegung“ anzustossen. Wie für Periodika aus dem lebensreformerischen Spektrum typisch, findet man in TAO eine überwältige Vielfalt an Themen, sowohl aus den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Sport, Wohn- und Arbeitsformen, Sexualität und Adoleszenz als auch zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie wirtschaftliche und politische Ordnungsvorstellungen. Aber gerade entlang der Frage, wie sich die Jugendbewegung in den 1920er Jahren weiterentwickeln sollte, verdichteten sich zentrale Diskurse, die für die Lebensreform in der Schweiz prägend wurden und auch Richtungskämpfe innerhalb der 1968er, der neuen Linken und des „alternativen“ Milieus der 1960er und 1970er Jahre vorwegnahmen. Wie stark die lebensreformerischen Ideen und Praktiken der Zwischenkriegszeit in der Schweiz auch nach 1945 rezipiert wurden, zeigte uns Eva Locher mit ihrem Beitrag «Auf die verschiedensten Arten will man die Weltverbessern» - Die Lebensreformer in der internationalen Freikörperkultur (1960er-1980er Jahre). Während viele deutsche FKK-Gruppierungen die lebensreformerischen Inhalte zugunsten einer freizeit- und sportorientierten Haltung aufgaben, blieben die ernährungs-, körper- und erziehungsreformistischen Konzepte und Praktiken in der Schweiz bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestehen. Wodurch die Schweiz – wie schon oft zuvor – ein Anziehungspunkt für LebensreformerInnen aus aller Welt wurde. Jedoch war aus der ehemals jugendlichen Bewegung, ein lebensreformerisches Milieu mit AnhängerInnen aus verschiedensten Altersgruppen geworden.

Durch die Erschütterungen der 1968er-Bewegung politisiert, erlebte die Jugendbewegung in den 1970er Jahren einen neuen Aufschwung. Wieder ging es um eine andere Lebensweise und um neue Formen des Zusammenlebens, wieder spielte die Suche nach Spiritualität, nach einer anderen Form der Religiosität, eine wichtige Rolle, auch über Sexualität und Partnerschaft wurde gesprochen – so laut wie nie zuvor - und wieder zog es junge Leute aufs Land, in die Natur. Zwei jugendbewegte Gruppierungen aus Österreich und der Schweiz gründeten 1973 die Europäische Kooperative Longo Mai. Von dieser Geschichte erzählte uns Katharina Morawietz (Freiburg) zum Abschluss des Workshops in ihrem Referat Die Gründung von Longo maï – wie aus lokalem Protest ein transnationales Gemeinschaftsprojekt entstand. Wie es schon Zimmermann in den 1920er Jahren mit seiner lebensreformerischen „Freiheitsbewegung“ forderte, wollte Longo Mai nicht nur die individuelle Lebensweise jedes Einzelnen verändern, sondern strebte auch eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform an. Dazu schloss man sich aber nicht dem gewaltbereiten, „revolutionären Kampf“ marxistischer Gruppen an - auch an der etablierten Parteipolitik hatte man keine Interesse - vielmehr setzte man wie schon die LebensreformerInnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf eine praxisorientierte, lokale Umsetzung der angestrebten Ideale.

 

Der Workshop ermöglichte den Blick über den Tellerrand des eigenen Forschungsthemas. Gerade bei der eklektischen Lebensreform ist diese offene Perspektive unvermeidlich, verstärkt aber auch die Grundproblematik dieser Forschungsrichtung: Wegen der enormen Anschlussfähigkeit der Lebensreform mit anderen (Welt-)Anschauungen und ideologischen Versatzstücken versagen die gängigen Ordnungskategorien. Das gilt nicht nur für lebensreformerische Akteure, sondern auch für die Alternativbewegungen der 1970er Jahre. Wenn „linksalternative“ Jugendgruppen aufs Land ziehen, ein funktionierendes Unternehmen aufbauen, dabei massive Unterstützung – auch aus kirchlichen Kreisen und besonders aus bildungsbürgerlichen Schichten – erhalten, dann muss man sich fragen, ob die bisherigen Analysekategorien noch ausreichen. Die longue durée-Perspektive ermöglicht es, "alternative" und „gegenkulturelle“ Akteure aus ihrer Zeitgebundenheit herauszulösen und nach Kontinuitäten dieser Form der Gesellschaftskritik zu fragen. Gerade für die Geschichtsschreibung der Schweiz ist eine Aufarbeitung dieser bisher kaum beachteten Gruppierungen, Bewegungen und Milieus von grossem Interesse: Nicht nur der Monte Verità war ein globaler Anziehungspunkt für lebensreformerische Akteure, die Schweiz war über das gesamte 20. Jahrhundert ein Drehpunkt der Lebensreform- und Alternativbewegungen. Aber weil diese Akteure nie mit Gewalt oder lautem Gepolter aufgetreten sind, fehlen ihre Ausrufezeichen in der Geschichtsschreibung der Schweiz. Schaut man genauer hin, zeigt sich jedoch, dass diese Gruppierungen, Bewegungen und Milieus einen starken und nachhaltigen Einfluss auf die Schweizer Gesellschaft ausüben konnten. Deshalb werden wir im Forschungsprojekt „Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“ die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter vorantreiben, die longue durée-Perspektive noch stärker betonen und mit Blick auf die transnationalen Aspekte der Thematik auch weiterhin den Kontakt mit Forschenden aus aller Welt suchen.

Exkursion Freidorf Muttenz

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Wege zum Glück? – Utopien und alternative Lebensformen gestern und heute" des Schweizerischen Sozialarchivs organisierte der Historiker Andreas Schwab am Samstag, 12. September 2015 eine Exkursion ins Freidorf Muttenz. Matthias Möller, der in seiner Dissertation an der Universität Tübingen die Siedlung untersucht hatte, führte einen Teil der Besuchergruppe durch die Anlage. Philipp Potocki spazierte mit dem zweiten Teil. Als Bewohner des Freidorfes gab er auf seinem Rundgang spannende Einblicke in den Alltag.

Die Siedlung Freidorf, erbaut von 1919 bis 1921, verbindet die Gartenstadtidee mit dem Genossenschaftsgedanken. Sie befindet sich in Muttenz im Kanton Basellandschaft am Stadtrand von Basel und umfasst 150 Häuser mit grossen Gartenflächen. Ihr Gründer, Bernhard Jäggi, war Nationalrat und Präsident der Verwaltungskommission des Verbandes Schweizerischer Konsumvereine VSK, heute Coop. Als Architekt amtete Hannes Meyer.

Im an die Führungen anschliessenden Referat im Genossenschaftshaus präsentierte Matthias Möller die Ergebnisse seiner Forschung. Der Vorstand des Freidorfes verfolgte als ursprüngliches Ziel in den 1920er Jahren weitere Siedlungsgründungen mit einem Alltag jenseits der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft. Der utopische Charakter ging seit den 1950er Jahren jedoch immer mehr verloren. Wohlstand und Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit verdrängten die genossenschaftlichen Einrichtungen. Stand in jedem Keller und in jeder Küche eine Waschmaschine und ein Kühlschrank, waren die gemeinsame Waschanlage und das Kühllager überflüssig. Die Abkehr von der Gründungsidee zeigte sich auch im Engagement der Bewohner: die Kommissionen für Einrichtungen wie den Genossenschaftsladen, kulturelle Veranstaltungen oder Bildung hatten immer mehr Mühe, Mitglieder zu finden. Gleichzeitig veränderte sich die demographische Struktur, weil die ersten Bewohner im Freidorf älter wurden. Zwar zogen und ziehen weiterhin neue Familien in die Siedlung, heute ist den meisten aber nicht mehr bewusst, welch aussergewöhnlicher Pioniercharakter ihr Wohnort zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte.

 

Website Freidorf Muttenz

Ausstellung in Potsdam und Obstbausiedlung Eden

Im «Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte» in Potsdam ist zurzeit die Ausstellung «EINFACH. NATÜRLICH. LEBEN Lebensreform in Brandenburg 1890–1939» zu sehen. Nach einem topografischen Ausstellungskonzept werden verschiedene Orte in Brandenburg vorgestellt, die in Verbindung mit lebensreformerischen Ideen standen. So zum Beispiel die FKK-Vereine am Motzener See, Gustav Nagel Zuflucht am Arendsee und die Spuren der Wandervogelbewegung rund um Berlin. Mehr Informationen...

Neben der Ausstellung findet ein umfangreiches Begleitprogramm statt. Es gibt Filme aus der Zeit, Vorträge über Themen und Akteure der Lebensreform, Podiumsgespräche und Führungen zu den vorgestellten Orten. Hier geht es zum Programm (PDF).

 

Einer der thematisierten Orte ist die «Obstbausiedlung Eden» in Oranienburg. Leicht erreichbar von Berlin aus, bietet sich die Siedlung für einen Tagesausflug an. Eden gehört zu den langlebigsten Orten mit lebensreformerischem Hintergrund. Schon 1893 machten sich die ersten Pioniere auf, um das brachliegende Land zu bewirtschaften und erste Gebäude zu errichten. Es waren vor allem Akademiker, Kaufleute und Künstler, die sich von der Grossstadt abwendeten und ein anderes Leben auf dem Land suchten. Die Bindungen zum vielgescholtenen Berlin wurden aber nie gekappt. Eden war keine autarke Aussteigersieglung, vielmehr bauten sich die SiedlerInnen mit ihren Gärtnereien und Plantagen florierende Unternehmen auf.

Eden durchlebte in seiner über 120jährigen Geschichte verschiedenste politische Systeme in Deutschland. Nach Kaiserreich und Weimarer Republik folgten unter den Nationalsozialisten die Gleichschaltung und Eingliederung in die NS-Agrarpolitik. Nach dem Krieg mussten sich die SiedlerInnen in das planwirtschaftliche System der DDR einfügen. Mit der Wende konnten viele Betriebe ihre Arbeit nicht mehr weiterführen. Auch wenn die Ideale der Lebensreform nicht mehr von allen BewohnerInnen geteilt werden, bleibt die Siedlung bis heute lebendig. Führungen durch die wunderschöne, kleine Ausstellung der Siedlung gibt es jeden Sonntag zwischen 14 und 17 Uhr. Mehr Informationen…

Tagung Mühsam in Meiningen

Die Verbindungen zwischen Anarchismus und Lebensreform wurden bisher kaum untersucht. Die Fachtagung „Erich Mühsam in Meiningen. Ein historischer Überblick zum Anarchosyndikalismus in Thüringen: Die Bakuninhütte und ihr soziokultureller Hintergrund“ (11.06.15-14.06.15) machte aber deutlich, dass es verblüffende Übereinstimmungen zwischen diesen Denkweisen gibt.  (Zum Flyer…)

Die Vorträge wurden durch einen Besuch der Ausstellung „‚Sich fügen heißt lügen!‘ Erich Mühsam, Anarchisten in Meiningen und die Bakuninhütte“ im Schloss Elisabethenburg in Meiningen (eine gewisse Ironie lässt sich bei diesem Ausstellungsort nicht absprechen) und einen Ausflug zur Bakuninhütte auf der Hohen Maas komplementiert.

Erich Mühsam (06.04.1878 in Berlin geboren – 10.07.1934 im KZ Oranienburg ermordet) war nicht nur Anarchist, er pflegte auch vielfältige Beziehungen zur europäischen Bohème und zu lebensreformerischen Kreisen. So besuchte er auch mehrmals den „Monte Verità“ und hinterliess einige amüsante literarische Zeugnisse über das Leben der Siedler, Vegetarier und Sonnenanbeter in Ascona (u.a. ein "alkoholfreies Trinklied" 1905). Eine seiner unzähligen Reisen führte ihn auch in das thüringische Meiningen. Dort hatte sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg die anarchosyndikalistische Bewegung ausgebreitet. Eine Ortsgruppe der „Freien Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) begann in der Krisenzeit ein Stück Land auf der Hohen Maas zu bewirtschaften, um die Versorgungsengpässe zu mildern. 1925 wurde eine Schutzhütte errichtet, die später in mehreren Etappen ausgebaut wurde. Die Bakuninhütte wurde in der Folge nicht nur für Anarchisten, sondern auch für Akteure aus dem Spektrum der Jugend- und Lebensreformbewegung zu einem Anziehungsprunkt. Neben Vorträgen, Wochenendausflügen und Ferienlagern wurde auch eine „Arbeiterkolonie“ geplant. Auch das Nacktbaden gehörte dazu. Die Nationalsozialisten beendeten jedoch 1933 sämtliche anarchistischen und lebensreformerischen Aktivitäten auf der Hohen Maas. In den folgenden Jahrzehnten wechselte der Besitzer der Hütte mehrfach: Nach der Nutzung durch NS-Jugendorganisationen ging sie zwischenzeitlich in Privatbesitz über. Mit dem Kriegsende folgte die Nutzung durch die FDJ, in den 1960er Jahren durch die „Natur- und Heimatfreunde" und schliesslich wurde sie Teil eines Übungsgelände der „Bereitschaftspolizei“ der DDR. Nach der Wende machten sich Anarchisten aus dem Westen und Jugendgruppen aus der Region auf die Suche nach der Bakuninhütte. Damit Begann die Wiederentdeckung eines fast vergessenen Ortes: Um den Verfall zu stoppen wurde die Hütte 2005 gekauft und der Unterstützungsverein „Wanderverein Bakuninhütte e.V.“ gegründet.

Zur Seite der Veranstaltungen "Mühsam in Meiningen"

Zur Seite des "Wandervereins Bakuninhütte e.V."

Mathildenhöhe

Nach der Tagung in Loheland blieb noch Zeit für einen kurzen Abstecher nach Darmstadt zur Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Spätestens seit der Ausstellung «Lebensreform – Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900» und dem dazugehörigen Band (2001, hrsg. durch Kai Buchholz u.a.) ist die Darmstädter Künstlerkolonie eng mit der Erforschung der Lebensreformbewegung verbunden.

1899 durch Grossherzog Ernst Ludwig von Hessen ins Leben gerufen, sollte die Kolonie Raum für Künstler bieten, die nicht nur Werke für Galerien und die Landhäuser der Adligen schaffen, sondern mit ihrer Kunst in alle Bereiche des Lebens eindringen wollten. Dieser umfassend verstandene Kunstbegriff lässt sich heute noch an den Ausstellungsstücken im sehr empfehlenswerten, kleinen Museum der Künstlerkolonie erahnen. Nicht nur die Architektur, auch sämtliche Einrichtungsgegenstände eines Haushaltes wurden bis ins letzte Detail durchdacht. Mit ihren Naturmotiven, geschwungenen Formen, Sonnendarstellungen und nackten Körpern teilten die Darmstädter Künstler die ästhetischen Vorlieben der Lebensreformer. Der Erste Weltkrieg setzte der Künstlerkolonie jedoch ein jähes Ende. Im Vergleich zum viel langlebigeren und auf wesentlich praktischere Anwendungen fokussierten Loheland drängt sich die Frage auf, wie viel Lebensreform neben der geteilten Ästhetik und dem gleichklingenden Welterneuerungspathos tatsächlich in der Darmstädter Künstlerkolonie zu finden war. Oder ob die starke Verortung im lebensreformerischen Komplex ähnlich wie beim Monte Verità eher auf eine nachträgliche Mythologisierung zurückzuführen ist. Im April 2016 bietet eine wissenschaftliche Tagung die Möglichkeit, solche und weitere Frage – insbesondere mit Blick auf die Weltkulturerbe-Bewerbung – zu diskutieren.

Zur Seite der Künstlerkolonie Mathildenhöhe

Zur Weltkulturerbe-Bewerbung und wissenschaftlichen Tagung

Tagung Loheland

Am 29. und 30. Juni 2015 fand in Loheland bei Fulda die Tagung «Was Häuser und Wege erzählen. Die Frauensiedlung Loheland im Kontext der Moderne des 20. Jahrhunderts» statt. (Zum Flyer...)

Diese Tagung markiert den Beginn einer Wiederentdeckung eines bedeutenden lebensreformerischen Erinnerungsortes. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz für eine Gymnastikschule kauften Louise Langgaard und Hedwig v. Rohden 1919 das Grundstück auf einer Anhöhe in der Rhön. Innert weniger Jahre entstand eine umfangreiche Streusiedlung mit heute über 50 Einzelbauten. Neben der Gymnastikschule wurden handwerkliche Lehrbetriebe und eine Doggenzucht aufgebaut. Zudem gehörte Loheland zu den Pionieren der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Die Ausbildung in Loheland sollte jungen Frauen ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Vor allem als Gymnastiklehrerinnen machten sich die Loheländerinnen noch lange Zeit einen Namen. Eng verbunden mit der Jugendbewegung, führender Reformpädagogen und Ausdruckstänzerinnen, den Vertretern des Bauhauses und in engem Kontakt mit anderen Reformsiedlungen wie Hellerau, Dornach und Worpswede, gehörte Loheland in der Zwischenkriegszeit zu den Knotenpunkten der europäischen Lebensreformbewegung.

Mit 1933 endete auch in Loheland eine Ära. Nicht mehr die Ausbildung junger Frauen zu einem selbstbestimmten Leben, sondern systemkonformes Wandern, Singen und Basteln mit Jungmädeln und Bund Deutscher Mädel stand auf dem Plan. Während sich Louise Langgaard mit der neuen Situation arrangierte, verliess Hedwig v. Rohden die Siedlung und kehrte erst Jahrzehnte später zurück. Doch im Unterschied vieler anderer Orte der Lebensreform konnte die hessische Frauensiedlung nach 1945 an die Reformprojekte der Zwischenkriegszeit anknüpfen. Neben der Gymnastikausbildung begann der Aufbau einer anthroposophischen Schule, die heute im Zentrum des Engagements der Siedlung steht.

Wie kaum eine Siedlung im Kontext der Lebensreform ist Loheland auch heute noch mit Leben erfüllt. Neben dem Schulbetrieb sind auch die handwerklichen und landwirtschaftlichen Unternehmungen immer noch aktiv. Die historische Erforschung Lohelands befindet sich erst am Anfang. Ein grosses Archiv wartet noch auf seine Bearbeitung. Auch die Denkmalschützer haben noch eine grosse Aufgabe vor sich. Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Aufarbeitung der Geschichte Lohelands wurden bereits angekündigt oder sind in Planung.

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Zur Seite der Loheland-Stiftung

Vortragsreihe Anders Leben

Im Rahmen des SNF-Forschungsprojekts "Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert" fanden an der Uni Freiburg zwischen dem 15. April und 6. Mai vier Vorlesungen unter den Schlagworten "Ernährung und Vegetarismus", "Nature et civilisation", "Körper und Nacktheit" und "Gemeinschaft und Selbstbestimmung" statt. Nach einstündigem Vortrag und Diskussion folgte ein vegetarischer Lunch mit Sandwiches und Fruchtsäften, der Raum für weitere Gespräche und Anregungen bot.

Die Veranstaltungen stiessen auf grosses Interesse, sowohl bei Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitenden und ProfessorInnen, wie auch bei ausserakademischen BesucherInnen. Im Verlauf der Vorlesungsreihe folgten über 100 Gäste den spannenden Referaten über die Bedeutung des Birchermüeslis für die vegetarische Ernährung in der Schweiz, den Naturismus in Frankreich, die Entstehung der Freikörperkultur in Deutschland und die transnationale Geschichte der Kooperativen Longo Maï. Die Vorlesungsreihe konnte während vier Wochen abwechslungsreiche Themen, umstrittene Forschungsfragen und zeitlose Kontroversen präsentieren und das Interesse für einen aktuellen Forschungsschwerpunkt des Studienbereichs Zeitgeschichte wecken.

 

An dieser Stelle möchten wir uns nochmal herzlich beim Institut für schweizerische Zeitgeschichte und dem Fonds d'action facultaire (FaF) der philosophischen Fakultät bedanken, die diese Vorlesungsreihe ermöglicht haben. Auch den motivierten Referenten und den zahlreichen Gästen möchten wir für das lebhafte Interesse und die spannenden Diskussionen danken.

Tagung in Dresden

Die Gartenstadt Hellerau gehört zu den bedeutendsten Erinnerungsorten der Lebensreform. 1909 durch Karl Schmidt gegründet zog Hellerau Reformer aus ganz Europa an. Der Schweizer Komponist und Musikpädagoge Emile Jaques-Dalcroze machte das Festspielhaus Hellerau zu einem Zentrum des Ausdruckstanzes.

Auch das Deutsche Hygiene-Museum erinnert mit seiner Mischung aus Neoklassizismus und Bauhaus an die Reformarchitektur Helleraus. Die Ausstellungsstücke, die teilweise noch aus den Hygiene-Ausstellungen der 1920er und 1930er Jahre stammen, verweisen auf die Begeisterung für Körper und Gesundheit dieser Zeit, die auch für die Lebensreform prägend war.

Monte Verità

Wie kaum ein anderer Ort der Schweiz ist der "Monte Verità" in Ascona mit den Utopien der Lebensreform verbunden. 1900 als Vegetarierkolonie gegründet, entwickelte sich der "Berg der Wahrheit" zu einem naturheilkundlichen Sanatorium und später zu einem transnationalen Anziehungspunkt für Intellektuelle, KünstlerInnen und Weltverbesserer. Vor allem die grossen Namen der BesucherInnen haben den Mythos "Monte Verità" begründet: Hermann Hesse, Max Weber, Ernst Bloch und Otto Gross waren dort. Die Dadaisten um Hans Arp, Hugo Ball und Emmy Hennings flohen vom Ersten Weltkrieg in die heile Welt des "Monte Verià". Rudolf von Laban brachte die Koryphäen des Ausdruckstanzes nach Ascona und nachdem in den 1920er Jahren der Bankier Eduard von der Heydt die Überreste der alten Siedlung gekauft hatte, traf sich die europäische "high society" im 1929 durch Emil Fahrenkamp erbauten Bauhaus-Hotel.

Von Anfang an oszillierte der "Monte Verità" zwischen Experimentierraum für alternative Lebensweisen und bürgerlichem Sehnsuchtsort. Mit der Ausstellung "Mammelle delle verità" belebte der Kurator Harald Szeemann 1978 den Mythos "Monte Verità" neu. Wieder zog die Idee eines "anderen Lebens" Aussteiger, Hippies und Träumer nach Ascona. Heute wird das alte Bauhaus-Hotel auf dem kleinen Hügel über Ascona als Konferenzzentrum der ETH Zürich genutzt. Seit 2013 bietet die ehemalige Vegetariersiedlung jährlich die Kulisse für ein internationales Literaturfestival. In den 2010er Jahren scheint damit wieder die Zeit der "high society" auf dem "Monte Veritè" angebrochen zu sein. Zwar wird immer noch über "Utopien" diskutiert, aber den "Dämonen" wurde an der zweiten Ausgabe des Festivals deutlich mehr Raum gewährt. (Mehr Informationen zum Eventi letterari 2014...)