Stefan Rindlisbacher: Vegetarisch essen, nackt baden und im Grünen wohnen: Lebensreform in der Schweiz (1850-1950)

 

Immer mehr Menschen achten heute auf eine ausgewogene, möglichst vegetarische Ernährung mit biologisch hergestellten Lebensmitteln, sie streben mit Gymnastik, Yoga und Achtsamkeitsübungen nach einem fitten, harmonisch ausgeglichenen Körper und wenn sie krank sind, vertrauen sie auf Anwendungen der Naturheilkunde und Komplementärmedizin. Ihre Freizeit verbringen sie am liebsten bei Sport, Bergtouren und Camping draussen in der Natur und auch ihr Zuhause sollte möglichst im Grünen liegen oder zumindest über einen grossen Garten verfügen. Die vorliegende Forschungsarbeit fragt nach den historischen Ursprüngen dieses natur- und gesundheitsorientierten Lebensstils, der immer populärer wird. Sie erzählt die Geschichte der Lebensreform in der Schweiz zwischen 1850 und 1950.

 

Schon vor über 150 Jahren entstehen in der Schweiz erste Naturheilanstalten. Dort werden Patienten und Patientinnen mit Wasseranwendungen, Licht- und Luftkuren und Diäten behandelt. Lebensreformerische Akteure machen den stressigen Alltag in den wachsenden Städten, die ungesunden Tätigkeiten in Fabriken und Büros, die Vernachlässigung der körperlichen Fitness und die sich rasant verändernden Ernährungsgewohnheiten für die sich verschlechternde Gesundheit der Einzelpersonen und der ganzen Bevölkerung verantwortlich. Um diesen vermeintlichen Niedergang aufzuhalten propagiert die Naturheil- und Vegetarierbewegung seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zahlreiche Gesundheitspraktiken wie eine fleischfreie Ernährung, Alkohol- und Tabakabstinenz und körperliche Bewegung in der Natur. Dazu eröffnen um 1900 erste vegetarische Restaurants, Reformhäuser, Sonnenbäder und Schrebergärten. Zugleich organisiert die Jugendbewegung Wanderungen und Ferienlager in den Bergen, reformpädagogische Akteure vermitteln lebensreformerische Praktiken in Landerziehungsheimen, Lehrerseminaren und Volkshochschulen und die Freiwirtschaftsbewegung verknüpft die Lebensreform mit wirtschaftspolitischen Forderungen. Bis in die Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts entsteht in der Schweiz eine umfangreiche Bewegung, die zahlreiche Vereine aufbaut, Zeitschriften und Ratgeberliteratur veröffentlicht, sich an Vorträgen, Tagungen und in Ferienlagern versammelt, sich gegebenenfalls juristisch gegen Kontrahenten zur Wehr setzt und sich auch politisch bei Abstimmungen und im Parlament für ihre Anliegen einsetzt.

 

Die vorliegende Forschungsarbeit untersucht einerseits die lebensreformerischen Praktiken und die damit verbundenen Diskurse über Gesundheit, Natürlichkeit und Körperlichkeit. Sie begreift dieses Ensemble an Praktiken und Diskursen als natur- und gesundheitsorientierten Lebensstil, der sich im Verlauf des Untersuchungszeitraums in der Schweiz etablierte. Die Forschungsarbeit fragt nach den Bedingungen, Konflikten und Aushandlungsprozessen, durch welche die Lebensreform von der Peripherie in die Mitte der Gesellschaft vordringen konnte. Andererseits analysiert sie die lebensreformerischen Organisationsstrukturen als lebensstilorientierte Bewegung. Lebensreformerische Akteure strebten einen gesellschaftlichen Wandel durch eine selbstreformerische Veränderung des persönlichen Lebensstils an. Auf diese Weise versuchten sie die negativen Begleiterscheinungen der Urbanisierung, Technisierung und Globalisierung zu bewältigen. Die Forschungsarbeit diskutiert zugleich, inwiefern Lebensreformer und Lebensreformerinnen mit ihren Praktiken auch selbst die Entwicklung der modernen Gesellschaft beeinflussten, indem sie die Individualisierung, Subjektivierung und Ökonomisierung der Gesellschaft vorangetrieben.