Eva Locher: Wider den „Irrsinn in der Welt“. Die Lebensreform in der Nachkriegsschweiz

 

Erscheint unter dem Titel "Natürlich, nackt, gesund. Die Lebensreform in der Schweiz nach 1945" im Februar 2021 beim Campus-Verlag.

 

Die Lebensreformerinnen und Lebensreformer kritisierten die Umweltverschmutzung, den ungesunden Lebensstil oder den Massenkonsum. Diesen diagnostizierten Krisen stellten sie das Ideal des einfachen, naturbewussten und gesunden Lebens gegenüber. Sie wollten durch eine Veränderung des Alltags eine Verbesserung der Gesellschaft erreichen. Dieser Ansatz erlangte während des gesamten 20. Jahrhunderts große Kontinuität. Themen wie die Atomenergie oder das wachsende gesellschaftliche Bewusstsein für Umweltfragen dienten dazu, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zirkulierenden lebensreformerischen Diskurse und Praktiken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neu zu legitimieren und zu akzentuieren.

 

Die Schweiz avancierte in der Nachkriegszeit zu einer wichtigen Drehscheibe der transnationalen Lebensreform. Schweizer Protagonisten verlegten zentrale Publikationen, organisierten Treffen und standen mit Reformerinnen und Reformern aus anderen Ländern in regem Austausch. In den 1970er Jahren stießen die lebensreformerische Umgestaltung des Alltags und ihr Wunsch nach einem natürlichen und ökologischen Leben im Alternativmilieu auf Resonanz. Von dort aus diffundierten reformerische Konzepte weiter in die Gesellschaft und sind im zeitgenössischen Alltag noch immer präsent – ohne dass wir uns ihrer historischen Wurzeln gewahr sind.

 

Eva Locher beschreibt erstmals die Entwicklung der Lebensreform in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus transnationaler Perspektive. Im Zentrum stehen die wichtigsten Teilbereiche Ernährungsreform, Naturheilkunde und Freikörperkultur, Die Autorin behandelt das Akteursgeflecht und analysiert die reformerischen Praktiken und Diskurse. Sie operiert in ihrer kultur- und sozialgeschichtlich ausgerichteten Studie methodisch mit den Konzepten des sozialen Milieus und des Kulturtransfers. Als Quellen dienen lebensreformerische Zeitschriften und Monographien, nicht publizierte Dokumente aus öffentlichen und privaten Archiven aus dem In- und Ausland ebenso wie Publikationen aus dem Alternativmilieu.