Vortragszyklus HAG Basel

Montag, 24. Januar 2022, 18:15 Uhr, Alte Aula des Naturhistorischen Museums Basel

 

PD Dr. Peter-Paul Bänziger, Basel
«Was ich schon alles erlebt habe und wie ich es erlebt habe!» Eine Geschichte des Tagebuchschreibens in den Jahrzehnten um 1900

 

Zweiter Akt mit einem Beitrag von Dr. Stefan Rindlisbacher, Fribourg
Müslis, Wasserkuren und Wanderferien. Die Gesundheitsangebote der Lebensreformbewegung

 

Eine Anmeldung ist zwingend erforderlich.

 

Hier geht es zum vollständigen Programm.

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Sechste Schweizerische Geschichtstage

Am 29. Juni–1. Juli 2022 finden an der Universität Genf die 6. Schweizerischen Geschichtstage zum Thema "Natur" statt.

 

Panel "Naturvorstellungen in 'alternativen' Bewegungen und Milieus"

 

Die Entstehung „moderner“ Industrie- und Konsumgesellschaften im 19. und 20. Jahrhundert ging mit einem radikalen Wandel der alltäglichen Lebenswelten einher. Die voranschreitende Verwissenschaftlichung, Technisierung und Ökonomisierung veränderten die Ernährungsweise, die Wohnformen, die Freizeitaktivitäten, die Medizin, die Religiosität und viele weitere Lebensbereiche der Menschen. Gegen diese Entwicklungen positionierten sich immer wieder „alternative“, nicht-hegemoniale Bewegungen und Milieus, die eine „natürlichere“ Lebensweise propagierten. Sie suchten beispielsweise nach neuen Formen der Spiritualität, lehnten „künstlich“ hergestellte Medikamente und Impfungen ab, bevorzugten vegetarische Speisen oder gründeten Landkommunen mit Gleichgesinnten.

Die Natur spielte für diese Bewegungen und Milieus eine entscheidende Rolle als praktisches Handlungsfeld und als Bezugsfolie der eigenen Identitätskonstruktion. Dabei gab es aber keine einheitliche Vorstellung von Natur, die alle teilten. Sie konnte als unhinterfragbare Gesetzmässigkeit erscheinen, die alle Vorgänge und Handlungen schicksalhaft vorstrukturiert, oder die materielle Natur wurde als blosse Illusion aufgefasst, hinter der sich die wahre, geistige Natur der Dinge verbirgt. Sie konnte sowohl der Abgrenzung von einer als rücksichtslos und zerstörerisch interpretierten Industriegesellschaft dienen, als auch der Legitimierung sozialdarwinistischer und rassistischer Überlegenheitsfantasien.

Das vorliegende Panel möchte anhand ausgewählter Beispiele herausfinden, wie sich unterschiedliche Naturvorstellungen auf die Deutungsmuster und Handlungsweisen von Menschen in „alternativen“ Bewegungen und Milieus auswirkten. Wir gehen auch der Frage nach, wie diese Naturvorstellungen die politischen Einstellungen, Menschenbilder und Gesellschaftsideale der untersuchten Akteur*innen beeinflussten. Im Austausch zwischen den einzelnen Referierenden suchen wir nach Verbindungslinien zwischen den Akteur*innen und fragen nach Kontinuitäten der untersuchten Naturvorstellungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt versuchen wir herauszufinden, ob diese Naturvorstellungen weiterhin in „alternativen“ Bewegungen und Milieus zirkulieren und wo sie Bestandteil hegemonialer Diskurse geworden sind. Dazu werfen wir beispielsweise einen Blick auf aktuelle Debatten über den Klimawandel oder die Corona-Pandemie.

 

Referate:

 

 

 

Tagung "Nische"

Reiz der Nische – Zeit.Räume der Nachhaltigkeit

18. bis 20. November 2021 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (online)

Donnerstag, 18. November, 16.30-18.30: Historische Perspektiven auf Nischen

Tagungsprogramm (PDF)

  • Marianne Heinze: „Die Zukunft machen?“ – Alternativkultur um 1970
  • Bettina Barthel: Aus der Nische in die „Mitte der Gesellschaft“ – Zur diskursiven Mainstreamisierung gemeinschaftlichen Wohnens
  • Johanna Rakebrand: Nachhaltigkeitsgemeinschaft als Sehnsuchtsort der Moderne? Überlegungen zur Erzeugung einer gegenwärtigen Nische
  • Stefan Rindlisbacher: Vegetarisch, alkoholfrei, nackt: Das FKK-Gelände „Die neue Zeit“

 

Im Jahre 1937 wurde im Schweizerischen Thielle das FKK-Gelände «die neue zeit» eröffnet. Es lag idyllisch zwischen Neuenburgersee und Bielersee und diente dem 1928 gegründeten Schweizerischen Lichtbund als Hauptquartier. Der Verein setzte sich nicht nur für das Nacktbaden ein, sondern propagierte auch eine vegetarische Ernährungsweise, Alkohol- und Drogenabstinenz, sportliche Freizeitaktivitäten, Gymnastik, neureligiöse Glaubensvorstellungen, Naturheilkunde und Biolandbau. Im Sinne der sogenannten Lebensreform sollten die Mitglieder ihre Lebensweise umgestalten, um gesünder und leistungsfähiger zu werden und sich mit der Natur verbunden zu fühlen. Mit ihren bodenreformerischen und freiwirtschaftlichen Anliegen strebten sie aber auch einen gesamtgesellschaftlichen Wandel an. Im Unterschied zu anderen FKK-Vereinen in Europa, die nach 1945 ihre lebensreformerischen Ideale zugunsten einer grösseren Breitenwirkung aufgaben, gilt auf dem FKK-Gelände «die neue zeit» bis heute ein striktes Alkohol-, Tabak- und Fleischverbot.

 

Das FKK-Gelände «die neue zeit» erscheint in seiner räumlichen und zeitlichen Verfasstheit in mehrfacher Hinsicht als Nische. Einerseits bildete es einen Experimentierraum, in dem sozial abweichende Handlungsweisen, Körperpraktiken und Glaubensvorstellungen erprobt werden konnten. Während einige Praktiken wie das Nacktbaden in der Nische blieben, haben sich andere Aspekte der Lebensreform wie das Ideal eines fitten, braungebrannten Körpers oder alternative Ernährungsweisen wie der Vegetarismus oder Veganismus mittlerweile in der Mehrheitsgesellschaft etabliert. Andererseits war das FKK-Gelände «die neue zeit» ein hermetisch abgeschlossener Raum, der physisch durch einen hohen, blickdichten Zaun von der Aussenwelt abgetrennt wurde und deren Mitglieder sich durch strenge Aufnahmekriterien und Verhaltensregeln als verschworene Gemeinschaft von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzten.

 

Am Beispiel des FKK-Geländes «die neue zeit» lässt sich über einen langen Zeitraum von über 80 Jahren untersuchen, wie sich Menschen mit abweichenden Handlungsweisen in einer Nische organisierten, wie sie sich von einer sich verändernden Gesellschaft abgrenzten und über mehrere Generationen hinweg als Gemeinschaft definierten.

 

 

 

 

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Tagungsprogramm Nische
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Tagungsband "Körper und Rationalität"

Der Sammelband unserer interdisziplinären Tagung "Körper und Rationalität - Perspektiven aus der Körpergeschichte und aktuelle Debatten der Ethik" ist als Beiheft der Open-Access-Zeitschrift "Theologie.Geschichte" erschienen.

 

Cornelia Mügge / Stefan Rindlisbacher (Hg.), Körper und Rationalität. Historische und ethische Perspektiven auf die Konstruktion und Rationalisierung von Körper und Körperlichkeit, theologie.geschichte, Beiheft 10, 2020.

 

  1. Theresia Heimerl: „Die vernünftige Herrin des Fleisches“. Christliche Diskurse um das Verhältnis von Körper und Seele und ihre Infragestellung in gegenwärtigen anthropologischen Utopien
  2. Stefan Rindlisbacher: Der Körper in der Naturheilkunde: Die Geschichte einer ambivalenten Rationalisierung
  3. Judith Bodendörfer: „War Kant imstande, sich auch nur Zahnschmerzen zu vertreiben?“ Zum Verhältnis von Körper und Geist im theosophischen Denken am Beispiel der autobiographischen Texte von Gustav Meyrink
  4. Tony Pacyna: Gelebte Vernunft. Gedanken zu einer Hermeneutik des Leibes
  5. Anna Janhsen: Aporie körperlicher Rationalisierbarkeit. Körper zwischen sozialer Normierung und leiblicher Situierung am Beispiel ästhetisch-plastischer Chirurgie
  6. Maren Behrensen: Queere Körper zwischen Anerkennung und Unterwerfung
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Tagung: Wissenskrisen – Krisenwissen

Am 11.-12. März 2021 findet die 4. INSIST-Nachwuchstagung "Wissenskrisen – Krisenwissen. Zum Umgang mit Krisenzuständen in und durch Wissenschaft und Technik" an der Goethe Universität Frankfurt am Main (online) statt.

 

Das Programm umfasst ein Keynote-Vortrag von Prof.’in Dr. Michi Knecht (Donnerstag, 18.15-19:45) und 14 Vorträge in fünf interdisziplinären Panels zu den Themen: Wissen in der Krise (Panel I), Praktiken der Krise / Krisenpraktinen (Panel II), Wissensdefizite und Krisendefinitionen (Panel III), Krisenwissen (Panel IV) und Utopie und Raum (Panel V) (zum Programm...)

 

Freitag, 12. März, 11.15-12.45: Panel IV: Krisenwissen

Stefan Rindlisbacher: Rohkost und Sonnenbaden gegen die spanische Grippe? «Alternatives» Gesundheitswissen und Wissenschaftskritik in Pandemiezeiten

 

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos. Eine Anmeldung ist über die Tagungswebseite möglich:

https://insist-network.com/insist-tagung-2020/

Veröffentlichung: "Natürlich, nackt, gesund"

Die Dissertation von Eva Locher über die Geschichte der Schweizer Lebensreformbewegung nach 1945 ist im Campus-Verlag erschienen.

 

Natürlich, nackt, gesund - Die Lebensreform in der Schweiz nach 1945 (426 Seiten), ISBN 9783593513423

 

"Vegetarische Ernährung, alternativmedizinische Verfahren und ein ausgeprägter Fitnesskult boomen. Mit ihrem Appell, dass sich jede und jeder selbst optimieren solle und möglichst gesund und natürlich leben müsse, nahm die um 1900 entstandene Lebensreform viele dieser Diskurse und Praktiken vorweg. In den 1970er Jahren verbreiteten sich lebensreformerische Ideen und das Ziel einer umfassenden Gesellschaftsreform zunehmend im Alternativmilieu. Eva Locher beschreibt erstmals die Entwicklung der Lebensreform in der Schweiz nach 1945 aus transnationaler Perspektive. Im Zentrum ihrer kultur- und sozialgeschichtlich ausgerichteten Studie stehen Ernährungsreform, Naturheilkunde und Freikörperkultur."

 

Hier geht es zum Campus-Verlag...

Das Buch ist in der Schweiz u.a. bei Ex Libris erhältlich...

 

Berner Lehrerseminar Hofwil

Von Bern aus ist es nicht weit bis zu einem der wichtigsten Erinnerungsorte der Schweizer Lebensreformbewegung. Ein gemütlicher Spaziergang führt an der Aare entlang und durch eine alte Kulturlandschaft bis nach Münchenbuchsee, wo ein grosser Gebäudekomplex mit wechselhafter Geschichte steht, der heute als Gymnasium und Internat genutzt wird. Rund um das Schloss Hofwil errichtete der Berner Patrizier Philipp Emanuel von Fellenberg (1771-1844) im frühen 19. Jahrhundert mehrere Schulen und einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb. Dort experimentierte er ähnlich wie Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827) im benachbarten Burgdorf mit neuartigen Erziehungsmethoden. Sowohl die besitzlose Landbevölkerung wie auch die Kinder aus den höheren Ständen sollten in dieser ländlichen, von den negativen Einflüssen der Stadt abgeschirmten Einrichtung, auf das Leben in einer sich rasant verändernden Gesellschaft vorbereitet werden. An der Schwelle zur Moderne, mit Blick auf die aufkommende Demokratisierung und Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche, waren autonome Subjekte gefragt, die nicht nur Befehle befolgen, sondern selbstständig denken und handeln. Neben der intellektuellen Entwicklung spielte auch die körperliche Erziehung eine wichtige Rolle. Davon zeugt beispielsweise das erste, 1822 künstlich angelegte Freibad der Schweiz, das heute zwar nicht mehr mit Wasser gefüllt ist, jedoch sehr schön renoviert wurde.

Obwohl sich diese Reformschule zu einem international besuchten Anziehungspunkt entwickelte, wurde sie nach Fellenbergs Tod aufgelöst. Neues Leben zog erst wieder 1884 ein, als das 1833 gegründete staatliche Lehrerseminar des Kanton Berns nach Hofwil übersiedelte. Damit begann eine zweite Welle der Erziehungsreform, die um 1900 unter der Bezeichnung "Reformpädagogik" an Aufmerksamkeit gewann. Zu den Schweizer Protagonisten dieser Bewegung gehörte Ernst Schneider (1878-1957), der 1905 zum Direktor des Lehrerseminars ernannt wurde. Der damals erst 27-jährige Lehrer, der unter anderem beim bekannten Reformpädagogen Wilhelm Rein (1847-1929) in Jena studiert hatte, begann sogleich die Lehrerausbildung mit neusten Methoden umzugestalten. Das führte zu anhaltenden Konflikten mit der liberal-konservativen Lehrerschaft des Kantons, die sich nicht nur gegen die Abschaffung der Prügelstrafe wehrte, sondern in Schneiders Reformvorhaben auch sozialistische Umtriebe zu erkennen glaubte. Nach mehreren, öffentlich ausgetragenen Kontroversen musste der streitbare Reformpädagoge 1915 das Handtuch werfen.

Bis dahin hatte sich das Berner Lehrerseminar aber bereits zu einem Biotop verschiedenster Reformbestrebungen entwickelt. So förderte Schneider unter anderem die Psychoanalyse als Bestandteil der Kindererziehung und zusammen mit Otto von Greyerz (1863-1940) setzte er sich für die Landerziehungsheimbewegung ein. Zugleich war der Leiter des Unterseminarkonvikts Jakob Stump (1864-1926) ein glühender Verfechter der Abstinenz- und Wandervogelbewegung und der einflussreiche Seminarlehrer Hermann Röthlisberger (1883-1922) experimentierte mit Ernährungsreformen und ganzheitlicher Körperertüchtigung. Röthlisberger gab sein Interesse für die vegetarisch-neureligiöse Mazdaznan-Bewegung unter anderem an den Künstler Johannes Itten (1888-1967) weiter, der zwischen 1904 und 1908 das Berner Lehrerseminar absolvierte und ab 1919 zu den bedeutendsten Lehrern am Bauhaus in Weimar zählte. In der „Schneider“-Ära liess sich auch der spätere Lebensreformer und Pionier der Schweizer FKK-Bewegung Werner Zimmermann (1893-1982) zum Lehrer ausbilden. Nicht zuletzt nahm die Schweizer Freiwirtschaftsbewegung ihren Anfang in den Kreisen des Lehrerseminars. Nicht nur gehörte Schneider zu den Gründungsmitgliedern des Schweizer Freiland-Freigeld-Bundes, auch der langjährige Sekretär Fritz Schwarz (1887-1958) hatte seine Ausbildung in Hofwil absolviert.

Im Berner Lehrerseminar kamen zwischen 1905 und 1915 zahlreiche Reformbewegung zusammen, die zuvor weitgehend getrennt voneinander agierten. Reformpädagogik, Psychoanalyse, Abstinenzbewegung, Ernährungsreform, Körperkultur, Wandervogel, Freiwirtschaft und viele weitere Reformansätze wurden erstmals zu einem umfassenden Lebensreformprogramm verknüpft. Während sich an anderen lebensreformerischen Erinnerungsorten wie dem Monte Verità eher zufällig verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Reformideen trafen und mit ihrem extrovertierten Auftreten für ein grosses Medienecho sorgten, wurde am Berner Lehrerseminar zur gleichen Zeit systematisch an neuen Menschen- und Gesellschaftsentwürfen gearbeitet, Netzwerke geknüpft, alternative Medien herausgegeben und Bewegungsstrukturen aufgebaut. Nicht am Lago Maggiore, sondern am Berner Moossee wurde das Fundament für die Schweizer Lebensreformbewegung gelegt.

Religious Studies Seminar

‘From Life Reform/Lebensreform to Holistic Spirituality: Themes and Issues in European Networks c. 1910 - c.1975’ - University of Edinburgh, November 4, 2020: 4.10-5.45pm (Zoom meeting)

 

A panel on the soteriology and politics of natural and alternative healthcare and self-culture, with short papers based on case studies from Germany, Scotland and Switzerland. Each presentation will last 10 minutes followed by 5 minutes for questions. A short discussion period will conclude the panel.

 

17:10

Introduction to the panel.

 

17:15-17:30: Dr. Bernadett Bigalke

‘Life reform practices as religious practices: The case of Mazdaznan’.

 

17:30-17:45: Stefan Rindlisbacher

‘Life reform, spirituality and the healthy body’.

 

17:45-18:00: Dr Steven Sutcliffe

‘The role of Diet in the transnational networks of Dugald Semple’

 

18:00-18:15: Dr Jörg Albrecht

‘George Ohsawa’s spiritual Macrobiotics’.

 

18:15-18:30 Dr Eva Locher

‘Searching for orientation and meaning: The attractiveness of life reform’.

 

18:30-18:45

Discussion and finish.

 

Login details (Zoom): E-Mail to Stefan Rindlisbacher

Lebensreform in Zürich

In der Stadt Zürich gibt es heute noch mehrere Orte, die direkt auf die Lebensreformbewegung verweisen oder an denen sogar noch immer lebensreformerische Praktiken lebendig gehalten werden. Der bekannteste von ihnen ist zweifellos das vegetarische Restaurant «Hiltl». 1898 an der Sihlstraße 26/28 als «Vegetarierheim» eröffnet, gehört es heute zu den langlebigsten vegetarischen Restaurants der Welt. 1903 wurde es vom bayrischen Schneider Ambrosius Hiltl (1877-1969) übernommen und daraufhin schrittweise modernisiert. Hiltl versuchte das «Vegetarierheim» vom «Sektierergerüchlein» zu befreien, das ihm anhaftete, weil dort bisweilen langhaarige «Propheten» in Sandalen auf ihrem Weg zum Monte Verità Halt machten. Schon in den 1920er Jahren soll es täglich von 400 bis 500 Gästen besucht worden sein, die sich am vegetarischen Buffet bedienten.

Zur gleichen Zeit eröffnete Max Bircher-Benner auf dem Zürichberg, an der Keltenstrasse 48, sein berühmtes Naturheilsanatorium «Lebendige Kraft». Nachdem er 1897 eine erste Privatklinik eingeweiht hatte, baute er die Anlage ab 1903 stark aus. Seine «Ordnungstherapie» beinhaltete einen strikt regulierten Tagesablauf mit Naturheilanwendungen wie Luftbädern, Wasserkuren und Gymnastikübungen sowie ein individualisiertes Ernährungsprogramm. Jedoch konnten sich nur gutsituierte Gäste, die nicht ganz billigen Kurpreise leisten. Darunter war der Schriftsteller Thomas Mann, der seine Erlebnisse mit dem strengen Naturheilarzt und den zum Teil recht sonderbaren Kurgästen einige Jahre später in seinem Roman «Zauberberg» verarbeitete. Die Klinik wurde nach Bircher-Benners Tod unter verschiedenen Namen und wechselnder Führung bis 1994 weiterbetrieben. Das gut erhaltene Hauptgebäude beherbergt heute das Seminarhotel einer grossen Schweizer Versicherung. Unweit der Privatklinik wurde 1939 – kurz nach Bircher-Benners Tod – ein «Volkssanatorium» mit deutlich tieferen Preisen eröffnet. Das Gebäude am Schreberweg 9 wird bis heute als Klinik genutzt. Auf dem damals noch unbebauten Zürichberg hat sich seither ein dicht besiedeltes Villenquartier ausgebreitet. An die lebensreformerische Vergangenheit erinnert der «Bircher-Benner-Platz».

Damit nicht nur die mehr oder weniger privilegierten Sanatoriumsgäste von den Naturheilanwendungen profitieren konnten, eröffnete der «Zürcher Naturheilverein» 1901 in Nachbarschaft der Bircher-Benner-Klinik – an der heutigen Tobelhofstrasse – ein öffentlich zugängliches «Licht- und Luftbad». Das Gelände umfasste mehrere Umkleidekabinen, Sonnenliegen sowie Spiel-, Turn- und Sportanlagen. Zudem wurde ein kleiner Schrebergarten an das «Licht- und Luftbad» angebunden. Dort sollten Familien aus der Stadt nicht nur eigenes Gemüse anbauen, sondern auch ihre Freizeit unter freiem Himmel verbringen. Weil die Besucherzahl stetig anwuchs, wurde es mehrmals erweitert und mit einem Schwimmbecken und einem vegetarischen Restaurant ergänzt. Im Jahr 1935 verzeichnete es mit über 50'000 Eintritten einen Besucherrekord. Ähnlich wie das Naturistengelände «die neue zeit» am Neuenburgersee ist auch das ehemalige «Licht- und Luftbad» bis heute für Besucher*innen zugänglich.

 

"die neue zeit" in Thielle

Zum Abschluss meiner Dissertation war ich am 27. Juni zu Besuch in Thielle auf dem Naturistengelände «die neue zeit», um einen Vortrag über die Geschichte der Lebensreform in der Schweiz zu halten. Es gibt keinen anderen Erinnerungsort, an dem die Lebensreformbewegung noch so lebendig ist wie auf diesem Campingplatz am Neuenburgersee. Nicht nur sind unter den Besucher*innen die lebensreformerischen Körperpraktiken und Gesundheitsideale immer noch sehr verbreitet, auch das Privatarchiv mit seiner einzigartigen Sammlung aus lebensreformerischen Publikationen, Protokollen, Briefen, Fotos und Filmen ist für Historiker*innen von herausragender Bedeutung.

Der Berner Buchhändler Eduard Fankhauser gründete 1927 mit der Unterstützung Werner Zimmermanns den Schweizerischen Lichtbund (ab 1938 Organisation Nacktbadender Schweizer) als erste überregionale FKK-Organisation der Schweiz. Ab 1930 trafen sich die Mitglieder in Mörigen am Bielersee zum gemeinsamen Nacktbaden, Gymnastik, Tanz und Atemübungen, wie auch zu Vorträgen, Tagungen und Vereinsversammlungen. Dort wurde nicht nur über Freikörperkultur gesprochen, auch zahlreiche weitere lebensreformerische Praktiken wie Ernährungsreform, Biolandbau, Naturheilkunde, Siedlungsbestrebungen und freiwirtschaftliche Wirtschaftsreformen wurden verhandelt. Nach Konflikten mit den lokalen Behörden zogen die FKK-Anhänger*innen nach Thielle an den Neuenburgersee um. Unter dem Namen «die neue zeit» entwickelte sich dieses FKK-Gelände ab 1937 zu einem wichtigen lebensreformerischen Treffunkt in der Schweiz, der schnell auch eine internationale Anziehungskraft erreichte. Noch im August 1939 wurde in Thielle ein «Welt-Sport-Treffen der Freikörperkulturbewegungen» mit Teilnehmenden aus Frankreich, England, Belgien, Schweden und anderen europäischen Ländern durchgeführt. Umstritten war die Anwesenheit zahlreicher FKK-Anhänger*innen aus Deutschland, die unverhohlen im Zeichen des Hakenkreuzes an den Wettbewerben teilnahmen. Erst mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges endete der intensive Austausch innerhalb der stark vernetzten FKK-Bewegungen. Während in Deutschland, Frankreich oder Belgien die Bewegungsstrukturen weitgehen zusammenbrachen und zahlreiche FKK-Gelände massiv durch den Krieg beschädigt wurden, ging der Betrieb in der Schweiz und insbesondere in Thielle ohne grosse Einschränkungen weiter. So konnten die Schweizer FKK-Aktivist*innen die transnationalen Kontakten nach 1945 schnell wieder reaktivieren und den Aufbau einer internationalen FKK-Organisation vorantreiben. Im Unterschied zu zahlreichen anderen FKK-Geländen in Europa bewahrte «die neue zeit» ihre lebensreformerische Ausrichtung. Bis heute ist auf dem Gelände der Konsum von Alkohol, Tabak und Fleisch verboten.

 

Zur Webseite des Naturistengeländes "die neue zeit"...

Das Sozialarchiv stellt Filme aus Thielle online zur Verfügung...

 

Medienspiegel zur Ausstellung "Lebe besser!"

Zeitungsartikel

  • Denise Muchenberger,  "Besser leben - mit Reformprodukten", in: Drogeriestern, August/September 2020. (online)
  • Ori Schipper, Anleitung zum Schön- und Gesund sein, in: Wissenschaftsmagazin universitas, Nr. 3, 2020. (online)
  • Carole Schneuwly, Besser leben, in: Freiburger Nachrichten, 29. Februar 2020. (online)
  • Maja Petzold, Nach der Yogastunde ein Birchermüesli, in: Seniorweb, 18. Februar 2020. (online)
  • Céline Graf, Von Sojamilch bis Nacktwandern, in: Der Bund, 12. Februar 2020. (online)
  • Philippe Oudot, Une réponse à la crise, Journal du Jura, 12. Februar 2020. (online)
  • Flavia von Gunten, Mit einer Klimaaktivistin auf Zeitreise, in: Berner Zeitung, 12. Februar 2020. (online)

Radiobeiträge

  • Die Naturisten vom Neuenburgersee waren Trendsetter, in: SRF Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 12. Februar 2020. (online)
  • Birkenstöcke, Birchermüesli und Nacktbaden, in: Radio RaBe, 12. Februar 2020. (online)
  • Gesund leben ist nicht Neues! in: Radio Bern 1, 12. Februar 2020. (online)
  • Vegan, fit und umweltbewusst - wir waren schon früher so, in: Radio Neo1, 14. Februar 2020. (online)

Ankündigungen

  • Immer besser, immer gesünder – ein alter Hut! in: Zeitlupe, 26. Februar 2020. (online)
  • Das richtige Leben, in: WOZ, 13. Februar 2020. (online)
  • Die Trends der Vergangenheit, in: 20 Minuten, 13. Februar 2020.
  • Im Rausch der Optimierung, in: Berner Kulturagenda, 13. Februar 2020. (online)
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Medienspiegel "Lebe besser!"
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Podcast Lebensreform

Im Podcast «Gaffeepouse» des Bernischen Historischen Museums hat Eva Locher über die Ausstellung «Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben» gesprochen:

«Die widrigen Umstände der letzten Wochen haben die Schweizer Bevölkerung nicht davon abgehalten sich mit Sport und gesunder Ernährung fit zu halten. Die Gesundheit rückt stark in den Fokus und auch das Impfen wird wieder vermehrt thematisiert. Körperkult, gesunde Ernährung und die Impfdiskussion sind aber keineswegs neue Themen, wie unsere Wechselausstellung ‚Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben‘ zeigt.»

 Hier geht es zum Podcast!

Begleitpublikation "Lebe besser"

Zur Ausstellung «Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben» im Bernischen Historischen Museum ist eine Begleitpublikationen in drei Sprachen mit Texten zur Geschichte der Lebensreformbewegung in der Schweiz erschienen (Verlag X-Time, Bern, 2020).

 

Begleitpublikation zur Ausstellung «Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben»

(ISBN 3-909990-33-9)

- Eva Locher: Spuren der Lebensreformbewegung bis in die Gegenwart

- Andreas Schwab: Wege aus der Krise: Lebensreform als Selbstreform

- Stefan Rindlisbacher: Die Schweizer Lebensreformbewegung: Anleitungen für ein «besseres Leben»

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Publication accompagnant l’exposition « Retour à la nature ! Un idéal de vie saine »

(ISBN 3-909990-34-7)

- Eva Locher: Les prolongements actuels du mouvement pour une vie saine

- Andreas Schwab: Sortir de la crise : vie saine et réforme de soi

- Stefan Rindlisbacher: Le mouvement de la Lebensreform en Suisse : conseils pour « vivre mieux »

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Published to accompany the exhibition “Live better! The Search for the Ideal Way of Life”

(ISBN 3-909990-35-5)

- Eva Locher: Echoes of the Lebensreform movement in the present day

- Andreas Schwab: Ways out of the crisis: Reforming life to reform the self

- Stefan Rindlisbacher: The Swiss Lebensreform movement: Instructions for a “better life”

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Vernissage "Lebe besser!"

Mit über 300 Gästen war die Vernissage der Ausstellung "Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben" im Bernischen Historischen Museum am 12. Februar 2020 gut besucht. Der Abend begann mit einem Begrüssungswort durch Luc Mentha. Der Präsident des Stiftungsrates des Museums zeigte sich überrascht, wie oft er in seinem Leben mit Themen und Praktiken der Lebensreformbewegung in Kontakt kam. Das dürfte auch vielen anderen Besucher*innen bei einem Rundgang durch die Ausstellung so ergehen. Ob Saunabesuche, Yogaübungen, Kneippkuren, vegetarisches Essen oder das eigene Häuschen in der Gartenstadt – die Lebensreformbewegung hat den Alltag in der Schweiz auf vielfältige Weise geprägt.  Einen Einblick ins Thema verschaffte uns danach der wissenschaftliche Leiter der Ausstellung Prof. Damir Skenderovic. Er spannte den Bogen von den Errungenschaften bis zu den Schattenseiten der Lebensreformbewegung. Der kulturelle Höhepunkt des Abends war die Bewegungsperformance von Kincsö Szabó und Michaela Prader. Die Aufführung lehnte sich an die lebensreformerische Ideenwelt an und wurde exklusiv für die Vernissage entwickelt. Der Abschluss der Eröffnungsreden machte der Museumsdirektor Jakob Messerli mit einer detaillierten Anleitung für ein Birchermüesli nach Originalrezept. Danach folgte ein vegetarisches – jedoch nicht alkoholfreies Apéros im Museum und die Eröffnung der Ausstellung.

 

Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben

"Lebe besser! Auf der Suche nach dem idealen Leben" im Bernischen Historischen Museum (13.2.2020–5.7.2020); Eine Ausstellung zur Geschichte der Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert; kuratiert durch Stefan Rindlisbacher, Eva Locher und Andreas Schwab; Wissenschaftliche Leitung: Damir Skenderovic

 

Vegan, fit, umweltbewusst — nicht erst heute, sondern bereits vor über 100 Jahren suchten Anhänger und Anhängerinnen der Lebensreformbewegung den Weg zu einem gesünderen Leben und einer besseren Welt. Um 1900 eröffneten in der Schweiz die ersten Reformläden, man begann, sich in Licht- und Luftbädern zu sonnen oder in Schrebergärten eigenes Gemüse anzubauen. Ausdruckstänzerinnen, Anarchisten und Künstlerinnen experimentierten mit alternativen Lebensformen wie jener auf dem Monte Verità bei Ascona. Auf den Spuren der Reformerinnen und Reformer zeigt die Ausstellung Errungenschaften und Schattenseiten der Lebensreformbewegung von damals bis heute.

 

 

Mehr Informationen auf: www.bhm.ch/de/ausstellungen/ausstellungsarchiv/lebe-besser/

 

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Rahmenprogramm "Lebe besser!"

SO 23. Februar 2020: 14:00 - 15:00

Öffentliche Führung: «Alternative Wohnformen und lebensreformerische Siedlungen»

mit Dr. Andreas Schwab, Historiker, Kurator der Ausstellung «Lebe besser!»  

Im 20. Jahrhundert leben immer mehr Menschen in Grossstädten und arbeiten in Fabriken und Büros. Die Lebensreformbewegung entwirft ein Gegenmodell zu dieser urbanen Lebensweise: Man soll wieder aufs Land ziehen, eigene Nahrungsmittel anpflanzen und neue Gemeinschaften aufbauen.

 

MI 4. MÄRZ 2020: 18:00 - 19:00

Podiumsdiskussion «Vegetarisch, biologisch, regional – Können wir mit einer anderen Ernährungsweise die Welt verändern?»

Seit einigen Jahren gerät die Ernährung zunehmend in den Fokus der Klimadebatte. Die Forderung nach einer anderen Ernährungsweise ist indes nicht neu. Schon vor über hundert Jahren plädieren Lebensreformer*innen wie der Birchermüesli-Erfinder Max Bircher-Benner für eine einfache, regionale und möglichst vegetarische Ernährung. Aber was kann der Einzelne mit seinem Verhalten bewirken? Braucht es mehr Regulierung oder sind wir alle selbst für unseren Konsum verantwortlich?

Es diskutieren: Dr. Sonja Dänzer, Renato Pichler, Regula Bühlmann und Prof. Dr. Eberhard Wolff; Moderation: Ursula Hürzeler

Ab 17 Uhr kann die Ausstellung kostenlos besucht werden.

 

DO 16. APRIL 2020: 19:00 - 21:00 - abgesagt!

Kurzfilmabend «Inszenierte Natürlichkeit: Die Lebensreform im Film»

Hilft ein Aufenthalt im Naturistencamp, ein Ausflug in die Berge oder eine Kur im Naturheilsanatorium gegen Stress, falsche Ernährungsgewohnheiten und fehlende Bewegung? Seit den 1930er Jahren wirbt die Lebensreformbewegung in Filmen für ihre Gesundheitsangebote und inszeniert fitte Körper in idyllischen Naturlandschaften. Wir zeigen eine Auswahl dieser Filme und diskutieren über die darin gezeigten Natürlichkeitsideale, Körperbilder und Geschlechterstereotype.

Der Kurzfilmabend findet in der Kinemathek / Lichtspiel Bern (Sandrainstrasse 3, 3007 Bern) statt. Der Eintritt ist frei. Es sind keine Reservationen möglich.

 

SO 26. APRIL 2020: 14:00 - 15:00 - abgesagt!

Öffentliche Führung: «Lebensreform in Bern: Nacktbaden, vegetarisch essen und im Grünen wohnen»

mit Stefan Rindlisbacher, Historiker, Kurator der Ausstellung «Lebe besser!» 

Vor über hundert Jahren entstehen in Bern erste Reformhäuser, vegetarische Restaurants und Schrebergärten, der Naturheilverein baut im Marzili ein Sonnenbad und im Lehrerseminar Hofwil werden reformpädagogische Methoden erprobt.

 

FR 5. JUNI 2020: 18:00 - 19:00 - abgesagt!

Vortrag «Wollten Lebensreform und Alternativmilieu dasselbe? Ideen und Praktiken um 1900 und um 1980»

Die Gesellschaft durch eine Veränderung des Selbst zu verbessern, ein möglichst natürliches und ökologisches Leben zu führen oder den Körper und die Seele ganzheitlich zu denken, sind nicht nur Anliegen der Lebensreformer und Lebensreformerinnen um 1900. Auch Alternative um 1980 äusserten sich ähnlich und erprobten Lebensformen, die sich von der Mehrheit der Gesellschaft unterschieden. Aber wollten die beiden Gruppen wirklich dasselbe? Inwiefern prägten die Zeitumstände ihre Ideen und Praktiken?

Ein Vortrag von Prof. Dr. Detlef Siegfried (Universität Kopenhagen)

Eintritt frei, kostenloser Besuch der Ausstellung «Lebe besser!» ab 17 Uhr

 

SA 27. JUNI 2020: 15:00 - 18:00 - abgesagt!

Exkursion zum Naturistengelände „die neue zeit“ am Neuenburgersee

Das Naturistengelände in Thielle am Neuenburgersee ist seit 1937 ein Treffpunkt der Freikörperkulturbewegung. Wie an keinem anderen Ort in der Schweiz werden dort immer noch lebensreformerische Ideale gepflegt: Bis heute ist Alkohol, Tabak und Fleisch verboten. Langjährige Mitglieder der Bewegung führen uns über das Gelände, wir erhalten einen Einblick in die Geschichte der Freikörperkultur und geniessen zum Abschluss ein vegetarisches Abendessen. Natürlich lädt auch der Neuenburgersee zu einem erfrischenden Bad ein – auch mit Badehose.

mit Stefan Rindlisbacher, Historiker, Kurator der Ausstellung «Lebe besser!» und Dr. Eva Locher, Historikerin, Kuratorin der Ausstellung «Lebe besser!»

Um 15 Uhr vor dem Haupteingang zum Naturistengelände (Rothausstrasse 105, 3236 Gampelen). Bitte möglichst mit dem ÖV anreisen. Die Zug-Haltestelle "Zihlbrücke" (Halt auf Verlangen) liegt direkt neben dem Gelände.

Beschränkte Anzahl Teilnehmer*innen; Reise- und Verpflegungskosten sind selber zu tragen; Voranmeldung auf dieser Seite.

 

SO 28. JUNI 2020:  14:00 - 15:00 - verschoben!

Öffentliche Führung: «Lebensreform und alternatives Milieu nach 1950»

mit Dr. Eva Locher, Historikerin, Kuratorin der Ausstellung «Lebe besser!» 

In den 1960er- und 1970er-Jahren gerät die Gesellschaft in Bewegung. Die Jugend ist auf der Suche nach einem besseren Leben. Unterstützung erhält sie dabei von Mitgliedern der Lebensreformbewegung, die sich schon seit der Jahrhundertwende für einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil einsetzen.

 

Weitere Informationen...

Debatte: Ein Jahr Klimastreik

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Flyer Klimastreik
Zum Abschluss des Proseminars "Vom Wandervogel zur Klimajugend: Die Geschichte ‚grüner‘ Bewegungen“ laden wir Aktivist*innen der Klimastreik-Bewegung zu einer öffentlichen Debatte ein. Kann diese junge Bewegung von den historischen Vorläufern lernen oder braucht es heute ganz neue Strategien und Aktionsformen?
Plakat Klimastreik.pdf
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An die Sonne, ans Licht!

Aus Anlass des UNESCO World Day for Audiovisual Heritage zeigt das Lichtspiel Bern Beiträge aus seinem neuesten Archivierungs-Projekt: Amateur-Filme des Solothurner Zahnarztes René Betge zu Aktivitäten der Schweizer Lebensreformbewegung sowie professionelle Filme, die zu Werbezwecken eingekauft und vorgeführt wurden.

 

Einführung: Brigitte Paulowitz (Filmrestauratorin), Edith von Arps (Stiftung "die neue zeit"), Eva Locher (Historikerin Uni Fribourg), Stefan Rindlisbacher (Historiker Uni Fribourg); musikalische Live-Begleitung: Wieslaw Pipczynski.

 

Datum: 25.10.2019, 20:00 Uhr

Ort: Lichtspiel Kinemathek Bern, Sandrainstrasse 3, Bern

Kontakt: info@lichtspiel.ch

Website: https://lichtspiel.ch

Lehrveranstaltung

Masterseminar (Werkstatt)

Besser leben! Eine Ausstellung über die Lebensreform

Universität Fribourg, Herbstsemester 2019, Dienstag 10-12 Uhr

 

Immer wieder und vermehrt sind Historikerinnen und Historiker damit konfrontiert, ihre Forschungsresultate der Öffentlichkeit zu vermitteln. Historische Ausstellungen und andere Formen der Vermittlung historischer Sachverhalte wie Stadtrundgänge oder Vortragsreihen boomen und ziehen oft ein grosses Publikum an. Dieses Seminar bietet die Gelegenheit, einen Einblick in die Planung, Konzeption und praktische Gestaltung einer Ausstellung im Bernischen Historischen Museum zu erhalten. Vom 13. Februar bis 4. Juli 2020 werden die Resultate des historischen Forschungsprojekts „Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert“ (2014-2018) in der Ausstellung „Besser leben! Lebensreform bis heute“ präsentiert. Wie wurde das Projekt initiiert, geplant und finanziert? Welche Schritte müssen bei der Realisierung der Ausstellung beachtet werden? Neben diesen praktischen Fragen werden auch theoretische Zugänge, beispielsweise über die historische Entwicklung des Museums als Institution oder über die Bedeutung des (auratischen) Gegenstands in Ausstellungen behandelt. Ausserdem unterziehen wir die verschiedenen Möglichkeiten der museologischen Narration und der Interaktion mit dem Publikum einer kritischen Prüfung. Nicht zuletzt beschäftigen wir uns auch mit dem historischen Forschungsgegenstand der Ausstellung. Die Lebensreformbewegung prägte seit dem 19. Jahrhundert einige bis heute sehr populäre Gesundheitspraktiken wie Vegetarismus, Bio-Lebensmittel,  Yoga, Meditation, Gymnastik und Komplementärmedizin. Wie lassen sich diese zum Teil sehr kontrovers diskutierten Themen einer breiten Öffentlichkeit vermitteln?

 

Dozenten: Dr. Andreas Schwab und MA Stefan Rindlisbacher

 

Diese Lehrveranstaltung ist nur für eingeschriebene Master-Studierende der Universität Fribourg zugänglich.

 

Zur Webseite des Departements für Zeitgeschichte

Zur Webseite von Palma3

 

Ausstellung Lebensreform

Eine Ausstellung zur Schweizer Lebensreformbewegung im Bernischen Historischen Museum (BHM)

 

Gesunde Ernährung, Bio-Lebensmittel, Vegetarismus, Yoga, Meditation oder Komplementärmedizin gehören heute für viele Menschen zum Alltag. Die Ausstellung "Besser leben! – Lebensreformen bis heute" fragt nach den historischen Entwicklungslinien dieser virulenten Gesundheitspraktiken.

 

Um 1900 eröffneten in der Schweiz die ersten vegetarischen Restaurants und Reformhäuser, die Stadtbevölkerung sonnte sich in Licht- und Luftbädern oder baute in Schrebergärten Nahrungsmittel an. In experimentellen Siedlungen wie dem Monte Verità kamen Ausdruckstänzerinnen, Anarchisten und Künstlerinnen aus der ganzen Welt zusammen, und es entstanden Gruppen, die die Nähe zur Natur über den nackten Körper suchten und Körperkultur mit Biopolitik verknüpften. Die Anliegen und Folgen solcher als Lebensreform deklarierten Projekte und Praktiken gehören zur Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert und haben bis heute biopolitische Deutungsangebote und allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen mitgeprägt. So gehören denn auch Selbstoptimierung durch Fitness, Gesundheit als individuelle Pflicht, Ernährung durch Bio Food, vegane Supermarkts, Schlankheitskult und Schönheitswahn zur Körper- und Esskultur der heutigen Leistungsgesellschaft, während Rauchen und Alkoholkonsum zusehends als normabweichende Verhaltensweisen angesehen werden.

 

Die Ausstellung im Bernischen Historischen Museum geht aus dem SNF-Forschungsprojekt „Die Lebensreformbewegung im 20. Jahrhundert“ an der Universität Fribourg hervor. Sie vermittelt nicht nur historische Informationen, sondern verknüpft die Vergangenheit mit dem heutigen Alltag der Besucherinnen und Besucher. Insbesondere die in der Thematik „Lebensreform“ inhärente Körperlichkeit und Sinnlichkeit wird aufgegriffen und durch multimediale Inszenierungen sicht- und erfahrbar gemacht.

 

 

Kuration: Dr. Andreas Schwab, Eva Locher, Stefan Rindlisbacher

Wissenschaftliche Leitung: Prof. Damir Skenderovic

 

Weitere Informationen zur Ausstellung und zum Rahmenprogramm folgen in den nächsten Monaten.

Zur Projektbeschreibung auf der SNF-Seite

Interdisziplinäre Tagung "Körper und Rationalität"

Interdisziplinäre Tagung: Körper und Rationalität - Perspektiven aus der Körpergeschichte und aktuelle Debatten der Ethik

Ort: Universität Freiburg, Miséricorde 08, Saal 102, Rue de Rome 6

Datum: 16.-17. November 2018

Kontakt und Fragen: cornelia.muegge@unifr.ch oder stefan.rindlisbacher@unifr.ch

Um Anmeldung wird gebeten bis zum 7. November

 

Aktuelle Diskussionen um Human Enhancement durch Fitness, chirurgische Eingriffe und gentechnische Veränderungen, Überlegungen zum Transhumanismus oder die Körperinszenierung in sozialen Medien stellen unser Verständnis vom Körper und nicht zuletzt das traditionelle Begriffspaar Körper/Rationalität erheblich in Frage. Während sich Soziologie, Kultur- und Geschichtswissenschaften schon seit den 1980er Jahren intensiv mit dem menschlichen Körper beschäftigen, wird der corporeal turn in der Ethik, vor allem in der Theologie, bislang nur zögerlich rezipiert. Die Tagung möchte verschiedene Perspektiven – zur Untersuchung des Körpers und seiner Rationalisierung in der Geschichte; zur Konstruktion spezifischer Körperbilder; zum grundlegenden Verhältnis der Konzepte von Körper und Rationalität – in Austausch miteinander bringen und so zur Erhellung der Bedeutung von Körper und Rationalität in den verschiedenen Forschungsbereichen beitragen.

 

 

Weitere Informationen und das komplette Programm im Flyer...

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Archivtagung Ludwigstein

Archivtagung auf Burg Ludwigstein vom 19. bis 21. Oktober 2018

 

Lebensreform um 1900 und Alternativmilieu um 1980. Kontinuitäten und Brüche in Milieus der gesellschaftlichen Selbstreflexion im frühen und späten 20. Jahrhundert

 

"Als in den 1960er Jahren Hippies jenseits wie diesseits des Atlantik von sich reden machten, wurden in der Bundesrepublik schnell Stimmen laut, die in diesem Phänomen eine "neue Jugendbewegung" sahen. Und tatsächlich fanden sich im alternativen Milieu, das sich in den 1970er und 1980er Jahren verfestigte, nicht wenige Praktiken, politische Zielvorstellungen und habituelle Muster, die aus der Lebensreformbewegung um die vorangegangene Jahrhundertwende bekannt erschienen: freie Sexualität und Freikörperkultur, Siedlung auf dem Lande, alternative Haartracht und Bekleidung, Kritik der modernen Gesellschaft, Streben nach Gemeinschaft, politischer Radikalismus. Gleichzeitig unterschieden sich die Kontexte dieser Kritik beträchtlich: Urbanisierung und industrielle Moderne auf der einen, postindustrieller und, auf der kulturellen Ebene, postmoderner "Strukturbruch" auf der anderen Seite. Inwieweit sich die Phänomene tatsächlich ähnelten, wo sie jeweils zeitspezifisch waren und sich also unterschieden, ist bislang wenig untersucht worden. Auch mögliche Verbindungslinien personeller oder institutioneller Art sowie Rezeptionsmuster der Lebensreform im Alternativmilieu sind bislang kaum eingehender betrachtet worden. Hier will die Archivtagung 2018 ansetzen und über die genauere Betrachtung zweier Schübe von Kulturkritik und ihrer milieuhaften Verfestigungen Aspekte des Wandels der modernen Gesellschaft in Deutschland über ihre besonders "reflexiven" (Ulrich Beck) Strömungen ausloten."

 

Zur Tagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung laden ein:

Prof. Dr. Detlef Siegfried (Kopenhagen)

und Dr. David Templin (Osnabrück)

 

Samstag 20. Oktober, 14.00 Uhr:

Stefan Rindlisbacher (Fribourg): Sanatorien, Reformhäuser und Biohöfe: Die Entstehung der Reformwirtschaft in der Schweiz (1900-1932)

 

Eva Locher (Fribourg): „Keimzellen einer einfachen, gesunden, friedlichen Lebensweise“. Zur Interaktion zwischen alten Lebensreformern und jungen Alternativen in der Schweiz (1960er und 1970er Jahre)

 

Samstag 20. Oktober, 19.30 Uhr:

Abendpodium und Diskussion Lebensreform und Alternativmilieu – Bewegungen gegen die Moderne oder Katalysatoren gesellschaftlicher Selbstreflexion? Moderiert von Detlef Siegfried (Kopenhagen) diskutieren Damir Skenderovic (Fribourg), Bernd Wedemeyer-Kolwe (Hannover) und Silke Mende (München)

 

Hier geht es zum Flyer mit dem kompletten Programm...

Hier geht es zur Webseite des Archivs der Deutschen Jugendbewegung...

Panel EASR 2018

16th Annual Conference of the European Association for the Study of Religions (EASR)

17-21 June 2018, Bern

 

Life reform networks in transnational context: c. 1900-c. 1970

21 June, 9:00am - 10:30am / Unitobler, F022 (Lerchenweg 36)

  • Bernadett Bigalke: Colon hygiene, breathing and Vegetarian diet as religious practices: David Ammann as missionary for Mazdaznan in Leipzig around 1900
  • Steven Sutcliffe: Diet and Life Reform: the Scottish Vegetarian Dugald Semple (1884-1964)
  • Stefan Rindlisbacher: The Swiss life reformer Werner Zimmermann as a popularizer of spiritual body practices: Meditation, deep breathing and karezza
  • Eva Locher: Body and Self – Life reform after 1950 as (religious) counselling?
  • Helmut Zander: Session Chair

The earlier historiography of Lebensreformbewegung or the ‘life reform movement’ has been dominated by a question arising from the German experience on whether Lebensreform was essentially anti-modern or even reactionary: for example, Thoms (2010) discusses the ambiguous evaluation of vegetarianism under National Socialism, while Stone (2004) describes ‘organo-fascism’ in the UK arising from the confluence of ‘back to the land’ impulses with ultra-conservative politics. In contrast, Rohrkrämer has argued that Lebensreform was capable of expressing an ‘alternative modernity’ (andere Moderne), and versions of this position have been expressed by historians such as Jefferies (2003) and Williams (2007) in English language studies, and by Möhring (2004) and Fritzen (2006) in German. This panel seeks to represent Lebensreform or ‘life reform’ as a more nuanced and differentiated phenomenon which occurred across the cultural and political spectrum. In particular it focuses on specific ‘religious’ aspects of life reform which have been less widely addressed.

The panel consists in four case studies of practitioners of ‘life reform’ or Lebensreform in different European geopolitical contexts: Scotland, Germany and Switzerland. We emphasise the transnational communication and transfer of ideas and practices through networks, groups, interpersonal contacts, print and photographic media across the period 1900-1970, with a focus on micro-periods within this broad frame, and also on points of thematic continuity in the long duree. Each contributor will provide a brief empirical case study focusing on a specific religious aspect or theme expressed by one or more practitioners or groups. They will place these aspects first in local empirical context, while also identifying points of communication and transfer across national borders and/or cultural fields.

 

more information on the website of the EASR...

 

Radiobeitrag zur Tagung

Im Kulturmagazin auf Deutschlandfunk lief ein kurzer Beitrag zur Monte-Verità-Tagung in Rom am 29./30. November.

 

Hier geht es zum Artikel und Podcast.

Vortrag: Am Anfang war der Monte Verità?

Am 29. und 30. November organisiert das Istituto Svizzero di Roma zusammen mit der Sapienza Università di Roma und dem Istituto Italiano di studi germanici die Tagung "Zwischen Rebellion und Konservation – Monte Verità und die deutsche Kultur".

 

"Era il 1900 quando un gruppo di innovatori, guidati da un ricco olandese, due fratelli tedeschi e una pianista originaria del Montenegro, si ritirò sulle colline sopra Ascona prospicienti il lato svizzero del lago Maggiore. Nacque così una singolare colonia indipendente, che si diede il nome di Monte Verità, in cui teorizzare e praticare una vita radicalmente diversa da quella metropolitana del periodo a cavallo tra fine ‘800 e inizio ‘900. Il luogo ben presto attrasse personalità diversissime, artisti, intellettuali, sognatori, utopisti politici, mistici, ricchi turisti in cerca di rigenerazione fisica e spirituale, nudisti e vegetariani radicali. Il convegno internazionale intende presentare in una serie di relazioni ad ampio spettro la ricchezza e la varietà di quell’esperienza, cercando di restituire non soltanto le idee e le figure di quel composito movimento – che oscillava perennemente tra la progettazione di una utopia radicale e la restaurazione di un rapporto integrale con la natura –, ma anche analizzando le suggestioni artistiche e antropologiche."

 

Donnerstag (30.11.):

9.30 Uhr: Andreas Schwab: Im Süden zur Kur. Das Sanatorium Monte Verità

10.00 Uhr: Stefan Rindlisbacher: Am Anfang war der Monte Verità? Die Lebensreformbewegung in der Schweiz nach 1920

 

Der Flyer (PDF) mit dem vollständigen Programm gibt es hier.

Zur Webseite des Istituto Svizzero di Roma geht es hier.

 

 

Tagungsbericht und Rezension

Markus Hedrich hat auf H-Soz-Kult einen Tagungsbericht zum Workshop "Rausch-Körper im 19. und 20. Jahrhundert" veröffentlicht. Hier geht es zum Text...

 

Ebenfalls auf H-Soz-Kult ist eine Rezension von Daniel Watermann zum Sammelband "Kreise – Bünde – Intellektuellen-Netzwerke" mit unserem Artikel zum Schweizerischen Lichtbund erschienen. Hier geht es zum Text...

Margarethenhöhe

Die voranschreitende Industrialisierung und das rasante Bevölkerungswachstum führten im 19. Jahrhundert zu einer stetigen Ausdehnung der urbanen Ballungsgebiete. Fehlender oder überteuerter Wohnraum wie auch die schlechten hygienischen Verhältnisse stellten die Städte vor enorme organisatorische Herausforderungen. Mit dem Ausbau der Kanalisationen und der Frischwasserversorgung wurden zwar die drängendsten Probleme angegangen. Aber vor allem für die Arbeiter und Arbeiterinnen blieb die Situation in den berüchtigten Mietskasernen weiterhin unbefriedigend. Um 1900 wurde deshalb in vielen Industrienationen nach innovativen stadtplanerischen Modellen gesucht, um die Wohnqualität zu verbessern.

Viel Aufsehen erregte die sogenannte Gartenstadtidee: Neue Quartiere mit voll ausgestatteten Arbeits-, Wohn-, Geschäfts- und Erholungsflächen sollten vor den Stadtgrenzen auf die grüne Wiese gebaut werden. Anstelle der dichten Bebauung der bisherigen, oft aus mittelalterlichen Siedlungen hervorgegangenen Industriestädte, verzichteten die Gartenstädte auf eine scharfe Trennung zwischen urbanem und ruralem Raum. Die Nahrungsmittelherstellung in Gärten oder sogar landwirtschaftlichen Flächen sollte auch im städtischen Raum möglich sein. So könnten die Stadtbewohner nicht nur ihre eigenen, gesunden Produkte ernten, sondern sich auch bei der Gartenarbeit  in der frischen Luft von der ungesunden Fabrik- oder stressigen Büroarbeit erholen. Eine Idee, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts vor allem mit den Schrebergärten ausbreitete und sich heute im urban gardening und urban farming widerspiegelt. Die Gartenstadtidee bezweckte aber mehr als eine Verbesserung der individuellen Lebensbedingungen, mit genossenschaftlichen und bodenreformerischen Forderungen zielte sie auch auf eine grundlegende Umgestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens ab. Um die Bodenspekulation einzudämmen, sollte nur der Besitz des Wohneigentums, aber nicht des Bodens möglich sein.

Im Unterschied zu Hellerau, Eden oder Schatzacker gab es viele Projekte, die sich an der Gartenstadtidee orientierten, jedoch andere Ziele und Nutzungsformen anstrebten. Ein passendes Beispiel ist die Margarethenhöhe südlich von Essen. 1906 von der Witwe des Grossindustriellen Alfred Krupp gestiftet, sollte die Siedlung den Arbeitern der Kruppwerke bezahlbaren Wohnraum ausserhalb der stark umweltbelasteten Zentren des Ruhrgebiets zur Verfügung stellen. Die Margarethenhöhe übernahm zwar die geschlossene Siedlungsform der Gartenstadtidee und stellte grosszügige Grünflächen zur Verfügung, die gesellschaftsreformerischen Ziele wurden jedoch weitgehend ausgeklammert. Nur Angestellte der Kruppwerke durften eine Wohnung in der Siedlung mieten. Das hatte eine homogenisierende und exkludierende Wirkung auf die Bewohner, die sich noch heute im Stadtbild niederschlägt. So ist es nicht überraschend, dass die Siedlung im Unterschied zu ähnlichen Projekten nie eine vergleichbare Anziehungskraft auf Kunstschaffende, Kreative und Intellektuelle ausüben konnte und auch in der Geschichte der Lebensreform keine Rolle spielte. Gleichzeitig zeigt das Beispiel, dass Konzepte aus dem Umfeld der Lebensreformbewegung schon im frühen 20. Jahrhundert in andere Bereiche der Gesellschaft diffundierten. Viele Aspekte der Gartenstadtidee fanden im Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts Einzug in den Städtebau. Urbane Grossprojekte im Grünen wie die geplante Siedlung Oberbillwerder in Hamburg verweisen auf die anhaltende Aktualität der Gartenstadtidee. Schliesslich gilt es auch heute wieder Probleme wie die zunehmende Wohnungsnot zu bekämpfen.

 

Weitere Informationen zur Margarethenhöhe...

Zur Aktualität der Gartenstadtidee...

 

Vortrag: Abstinente Jugendliche im Höhenrausch

Workshop: Rausch-Körper im 19. und 20. Jahrhundert

29.07.2017 - Universität zu Köln

 

Im 19. und 20. Jahrhundert kam es in Westeuropa und den USA förmlich zu einer Explosion von Rauschdiskursen und einer Auffächerung von Rauschverständnissen. Ziel des Kölner Workshops ist, unterschiedliche Räusche (z.B. Sex, Drogen, Religion, Tanz, Sport, Gewalt, Geschwindigkeit) zusammen, vergleichend oder auch in ihrer Verknüpfung und unter einem gemeinsamen Blickpunkt zu analysieren und zu diskutieren.

 

10.00 – 12.00 Panel I: Rausch, Disziplin und Gemeinschaft: Sport und Lebensreform im 20. Jahrhundert

Sarah Fladung (Würzburg): Das Phänomen Extremsport – Auf der Suche nach Grenzerfahrungen zwischen Ekstase und Askese

Rudolf Oswald (Würzburg): Zwischen Volksgemeinschaft und „Vereinsfanatismus“: Das Fußballstadion als Ort rauschhafter Vergemeinschaftung im Dritten Reich

Eva Locher/Stefan Rindlisbacher (Freiburg (CH)): Abstinente Jugendliche im Höhenrausch

 

13.00 – 15.00 Panel II: Räusche auf Papier: Psychiatrische und literarische Experimente

Isabelle Ståhl (Stockholm): Reconciling Subject and object. Literarische Rauschgiftstudien in the Weimar Republic 1919-1933

Ivo Gurschler (Berlin/Wien/Linz): Ausweg Auflösung? Körperliche Ausnahmezustände in Beringers Meskalinrausch (1927)

Joris Löschburg (Hamburg): Im Kriegsrausch: Ernst Jüngers Selbstgeburt aus dem Kampf

 

15.00 – 17.00 Panel III: Berauschte und abweichende Körper: Sexualität, Tanz und Devianz

Hannes Walter (Berlin): Kokain, Sexualität und Devianz. Der Kokainrausch im Fokus der Psychiatrie in der Weimarer Republik

Lisa Hecht (Köln): Im Rausch der sieben Schleier – Salomes Tanz bei Aubrey Beardsley und Alla Nazimova

Jan-Henrik Friedrichs (Hildesheim): „Wie ein sexueller Höhepunkt“. Körper, Geschlecht und Sexualität im bundesrepublikanischen Drogendiskurs der 1970er und 1980er Jahre

 

Mehr Informationen auf H-Soz-Kult...

Vortrag: Körper in der Krise

"Medizinhistorische Runde" im Medizinhistorischen Institut Bern

 

Körper in der Krise: Diagnosen und Antworten der Lebensreformbewegung

Prof. Damir Skenderovic 

 

Dienstag, 02.05.2017, 17.15 – 18.30 Uhr

Hörsaal des Anatomie-Gebäudes, Bühlstrasse 26, Bern

 

Öffentlicher Vortrag, kostenloser Eintritt

 

Zur Seite der Veranstaltung...

Lebensreform in Berlin

Bioläden, Öko-Wochenmärkte und vegane Kaffees – seit einigen Jahren boomen in einschlägigen Berliner Stadtteilen die Konsumangebote für die grün-nachhaltige Grossstadtjugend, ökosensible BesserverdienerInnen und die verblieben Alt-Hippies. In kaum einer anderen europäischen Stadt konnte sich der urbane Lifestyle mit naturromantischem Anstrich so gut etablieren. Schon in der Zwischenkriegszeit des letzten Jahrhunderts erfasste ein sehr ähnliches Phänomen die deutsche Hauptstadt. Aus dem Taumel der Nachkriegszeit entwickelte sich Berlin zu einem Biotop neuer Bewegungen und Subkulturen. Auch die Lebensreform traf auf ideale Bedingungen: Mit ihren euphorischen Ernährungs- und Körperutopien, den neuartigen Erziehungsmethoden, spirituellen Alternativangeboten und vielfältigen Konsumwelten traf sie in Berlin auf grosses Interesse. Reformhäuser und vegetarische Restaurants befriedigten die alltäglichen Bedürfnisse der gesundheitsbewussten Klientel. Frische Produkte erhielten sie unter anderem von der 1893 gegründeten Obstbausiedlung Eden in Oranienburg. Das lebensreformerische Musterprojekt war die ideale Projektionsfläche für die „Zurück-zur-Natur“-Fantasien der Grossstädter. Heute wie damals wagten jedoch die Wenigsten den Schritt in das andere Leben. Die viel kritisierte Grossstadt bot und bietet zu viele Vorteile. So beschränkte sich die Natursehnsucht schon damals auf leicht erreichbare Freizeit- und Ferienangebote. Beispielhaft waren die FKK-Vereine im brandenburgischen Umland. Vor allem der Motzener See entwickelte sich zu einem Hotspot der Nacktbadenden. Tausende BerlinerInnen pilgerten in jeder freien Stunde an seine Ufer. Bis heute gibt es in der brandenburgischen Wald- und Seelandschaft unzählige FKK-Gelände, -Bäder und -Campings.

Wer sich auf den Spuren der Lebensreform in Berlin begeben möchte, sollte auch einen Abstecher nach Woltersdorf machen. Dort baute der bekannte Jugendstilkünstler und Illustrator der Lebensreform Hugo Höppener alias Fidus 1907 das sogenannte Fidushaus. Ähnlich wie Oranienburg liegt Woltersdorf unweit der Stadtgrenzen Berlins. Fidus war Mitglied der „Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft“, die sich für naturnahe Siedlungsprojekte einsetzte. Wegen dem rasanten Wachstum vieler europäischer Städte um 1900 war man nicht nur in Deutschland auf der Suche nach neuen, urbanen Wohnformen. Bei Fidus und anderen deutschen Vordenkern der Gartenstadtidee vermischten sich die Siedlungskonzepte mit völkisch-rassistischen Menschenzüchtungsfantasien. Projekte wie die „Heimland“-Siedlung im Norden Brandenburgs blieben jedoch ohne langfristigen Erfolg. Pragmatischere Ansätze haben sich hingegen in der Stadtplanung etabliert. Das „Fidushaus“ sollte im Jahr 2000 zu einem „Museum der deutschen Lebensreform“ umgebaut werden. Nachdem die Vorbereitungen schon weitgehend abgeschlossen waren, scheiterte das Vorhaben an bürokratischen Hindernissen. Eine kleine Ausstellung über Fidus gibt es im Woltersdorfer Heimatmuseum zu sehen. Zudem lässt sich in der Schleusenstrasse ein von Fidus gestaltetes Weltkriegsdenkmal besichtigen.

Immer wieder ein Besuch wert ist auch das Bröhan Museum beim Schloss Charlottenburg. Die Sammlung mit Werken aus dem Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus wird mit internationalen Wechselausstellungen ergänzt. Wie schon in anderen Blog-Beiträgen deutlich wurde, gab es zwischen der Lebensreform und diesen Kunstbewegungen nicht nur thematische Überschneidungen, sondern auch vielfältige personelle Kontakte und Freundschaften.

 

Artikel "Lichtbund"

 

 

 

 

 

Eva Locher; Stefan Rindlisbacher, „Innere Verwandtschaft braucht keine Organisation“ - Der Schweizerische Lichtbund im 20. Jahrhundert, in: Frank-Michael Kuhlemann, Michael Schäfer (Hg.), Kreise – Bünde – Intellektuellen-Netzwerke. Formen bürgerlicher Vergesellschaftung und politischer Kommunikation 1890–1960, Bielefeld 2017, S. 221-244.

 

Mehr Information auf der Seite des transcript-Verlages.

 

 

 

 

 

Wir erzählen in diesem Artikel die Geschichte des "Schweizerischen Lichtbundes" (später Organisation der Naturisten in der Schweiz) als wichtigste FKK-Vereinigung der Schweiz und Pionier der internationalen Naturistenbewegung. Im Fokus stehen die organisatorischen und ideologischen Entwicklungen des Bundes von den 1920er bis in die 1970er Jahre. Im Spannungsfeld zwischen individualistischer Selbstreform und organisiertem Vereinsleben durchlief der Lichtbund Krisen und Umbrüche. Nach einem rasanten Aufstieg folgten Jahre der Stagnation und Selbstfindung, neuer Aufbrüche und Abspaltungen. Die Auseinandersetzungen über die Grundlagen der Lebensreform (Alkohol- und Tabakverbot, Vegetarismus etc.) prägten den Lichtbund ebenso wie Diskussionen über geeignete Formen der Zusammenarbeit.

Aryana-Siedlung Herrliberg

Um 1900 breiteten sich in den westlichen Gesellschaften verschiedenste neureligiöse Bewegungen aus. Während die voranschreitende Säkularisierung die traditionellen Bindungen an religiöse Institutionen lockerte, öffneten sich in der individualisierten Konsumgesellschaft immer weitere Räume für neue Glaubenssysteme. Viele orientierten sich an asiatischen Religionen und Philosophien, andere stützten sich auf  neopaganische „Naturreligionen“ oder versuchten die monotheistischen Religionen zu „erneuern“. Zu den bis heute bekanntesten Neuschöpfungen dieser Zeit gehörte die Theosophie und Anthroposophie. Unheilvoll wirkten sich in späteren Jahren die völkischen Germanenreligionen und das sogenannte Deutschchristentum aus.

In diesem religiösen Schmelztiegel aus Freikirchen, Neuheidentum, Esoterik und Okkultismus breitete sich auch die Mazdaznan-Bewegung aus. Erste Niederlassungen wurden um 1900 in den USA gegründet. Später breitete sich Mazdaznan auch in Europa aus. Die Lehre bezieht sich auf den Zoroastrismus, der sich im iranischen Kulturraum vor über 2‘500 Jahren etablierte, verwendet aber auch Elemente aus verschiedenen anderen Religionen wie dem Buddhismus und dem Christentum. Mazdaznan stützt sich auf spezifische Körper- und Atemübungen in Anlehnung an Tantra- und Yogapraktiken und eine strenge, vegetarische Ernährungslehre mit Trennkost und Vollkornprodukten. Daraus ergaben sich starke Überschneidungen mit der lebensreformerischen Lebensweise und entsprechende Kontakte zu Akteuren und Vereinigungen aus der Lebensreformbewegung.

Die Schweiz entwickelte sich ab 1915 zum europäischen Knotenpunkt der Mazdaznan-Bewegung. In Herrliberg am Zürichsee wurde ein erster Versammlungsraum mit Küche und Übernachtungsmöglichkeiten aufgebaut. Später folgte eine Druckerei für den Aryana-Verlag und ein Versandhaus für Gebäck und Körperpflegeprodukte. Bis zu 200 Menschen lebten in den 1920er Jahren in der Siedlung. Zu den bekanntesten Bewohnern gehörte zwischen 1923 bis 1926 der Bauhaus-Lehrer Johannes Itten. Mit der "Ontos"-Kunstschule und -Werkstätte für Handweberei baute er die Aryana-Siedlung 1923 weiter aus. Auch die bekannte Ausdruckstänzerin Suzanne Perrottet, die sich zuvor in Rudolf von Labans Tanzschule auf dem Monte Verità aufhielt, hat einige Zeit in Herrliberg gelebt. Vertreter der Schweizer Lebensreformbewegung wie Werner Zimmermann und Max Bircher-Benner bekundeten gewisse Sympathien für die Mazdaznan-Bewegung, lehnten die Vereinigung jedoch wegen ihrer stark reglementierten und hierarchisierten Struktur als „Sekte“ ab. Mit dem Verkauf einiger Gebäude löste sich die Aryana-Siedlung 1930 auf, bis heute weisen aber immer noch einige Strassennamen auf die Siedlung hin. Zudem lassen sich mehrere Gebäude mit ihren typischen Gartenanlagen besichtigen.

Jugendburg Ludwigstein

 

Die Burg Ludwigstein (Hessen, bei Kassel) wurde 1415/16 als Grenzbefestigung und Verwaltungssitz errichtet. Bis 1604 wurde sie laufend mit Wohn- und Arbeitsquartieren erweitert. Als 1664 der Sitz der Verwaltung nach Witzenhausen verlegt wurde, verlor die Burg an Bedeutung. Bis ins 19. Jahrhundert diente sie der landwirtschaftlichen Nutzung des Umlandes. Dann folgte der allmähliche Rückbau der Anlage.

Als um 1900 die Wandervogelbewegung aufkam, wurde die Region zum beliebten Ausflugsziel. Auf dem Hohen Meißner – knapp 15 Kilometer von der Burg entfernt – fand 1913 der "Erste Freideutsche Jugendtag" statt. 2‘000 bis 3‘000 Jugendliche aus den verschiedensten Jugendgruppen trafen sich dort zu einem „Fest der Jugend“. In diesem ersten, grossen Zusammentreffen der Jugend als abgrenzbare Sozialgruppe forderten die TeilnehmerInnen mehr Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und "innere Wahrhaftigkeit" für ihre Altersgenossen. Diese „Meißner-Formel“ sollte die Jugendbewegung für Jahrzehnte prägen. Das alkohol- und tabakfreie Fest war aber auch ein erstes Fanal einer neuen, lebensreformerischen Lebensweise, die vor allem bei den Jugendlichen viel Anklang fand. Die bis dahin stark zerfallene Burg Ludwigstein wurde 1920 von Mitgliedern der Jugendbewegung gekauft und zur Jugendherberge ausgebaut. Als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt wurde, befand sich die Burg plötzlich an der stark bewachten innerdeutschen Grenze. Trotzdem blieben die Jugendgruppen weiterhin aktiv und belebten ihre „Jugendburg“ in der Nachkriegszeit durch Ferienlager und Jugendtreffen wieder neu.

Weil die Jugendbewegung schon sehr früh an ihrer eigenen Historisierung arbeitete, wurde bereits 1922 das „Reichsarchiv der deutschen Jugendbewegung“ auf der Burg gegründet. Nachdem die Nationalsozialisten die Bestände 1941 nach Berlin verlegten, ging die Sammlung in den Zerstörungen des Krieges verloren. Schon 1946 folgte jedoch der Wiederaufbau des Archivs. Heute gehört das „Archiv der deutschen Jugendbewegung“ zu den wichtigsten Anlaufstellen für die historische Jugendforschung. Auch Quellen zur Lebensreform sind reichlich vorhanden. Die alljährliche Tagung auf der Burg bietet nicht nur die Möglichkeit, die aktuelle Forschung zu verfolgen, der Aufenthalt in der Jugendherberge und ein Spaziergang in Richtung des Hohen Meißners lässt die Geschichte der Jugendbewegung erfahrbar werden. 

Noch bis zum 30. September 2017 ist im Archiv eine kleine Ausstellung unter dem Titel "Gegen Sumpf und Fäulnis – leuchtender Menschheitsmorgen“ zu sehen. Es geht um die vielfältigen Verbindungen zwischen der Jugend- und Lebensreformbewegung. Ein Bericht zur letzten Tagung „Avantgarden der Biopolitik. Jugendbewegung, Lebensreform und Strategien ‚biologischer Aufrüstung‘" gibt es auf Zeitgeschichte-online.

 

Hier geht es zur Seite der Burg...

Hier geht es zum „Archiv der deutschen Jugendbewegung“...

 

Monte Verità And Naturism

Stefan Rindlisbacher, Naturisme. Avant-garde et les alpes (= Naturism, avant-garde and the alps), in: Denise Marroquin (Hg.), Monte Verità. Utopie expressionniste (= Monte Verità. Expressionist Utopia), Genf 2016, S. 60-67.

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Freikörperkultur Schweiz

Stefan Rindlisbacher, Popularisierung und Etablierung der Freikörperkultur in der Schweiz (1900–1930), in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, 65/3 (2015), S. 393-413.

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Hauptsache fleischlos

Stefan Rindlisbacher, Hauptsache fleischlos, in: universitas 12/4 (2016), S. 31-32.

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Trendsetter FKK

Eva Locher, Stefan Rindlisbacher, Trendsetter FKK, in: universitas 11/4 (2015), S. 31-32.

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Nachklang "Tiere essen"

Zwischen dem 16. November und 7. Dezember haben wir im Rahmen des SNF-Projekts «Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert» und in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Allgemeine Moraltheologie und Ethik der Universität Fribourg unsere zweite Vorlesungsreihe durchgeführt. Nachdem im letzten Jahr unter dem Titel „Anders leben / Vivre autrement“ vier Referate zu lebensreformerischen Lebensentwürfen stattfanden, haben wir uns diesen Herbst ganz auf den Fleischkonsum und -verzicht konzentriert.

Der Vegetarismus war eines der Verbindungsstücke, das die ansonsten sehr unterschiedlichen Akteure der Lebensreform miteinander verband. Ob in der Naturheilkunde, der Freikörperkultur oder der Ernährungsreform – die vegetabile Ernährung war eine entscheidende Praktik in der selbstgewählten Lebensweise der Lebensreformer und Lebensreformerinnen. Heute besitzen alle Supermärkte, Discounter und Grossverteilen fleischfreie Produktlinien. Aber schon um 1900 entstanden im Umfeld der Lebensreformbewegung die ersten vegetarischen Restaurants und Pensionen wie auch Reformhäuser mit spezialisierten Nahrungsmitteln. So kam es schon in den 1920er und 1930er Jahren zum ersten Vegetarismus- und Rohkost-Boom, der weit über die lebensreformerischen Kreise hinausreichte.

Die Argumente für eine fleischfreie Ernährung sind heute wie damals sehr vielfältig. Sie reichen von gesundheitlichen, über tierethische und religiöse bis zu ökonomischen und ökologischen Standpunkten. Um diesen komplexen Diskussionen über die Nutzung der Tiere als Nahrungsmittel auf den Grund zu gehen, haben wir für die zurückliegende Vortragsreihe einen interdisziplinären Ansatz gewählt. Wir haben uns nicht nur mit den historischen Entwicklungen des Fleischkonsums beschäftigt, sondern auch die ethischen Debatten über die Rechte der Tiere reflektiert, die theologischen Dimensionen kennengelernt und über die aktuellen Praktiken diskutiert.

Wie schon die letzte Vortragsreihe haben auch die neuen Veranstaltungen grosses Interesse, sowohl bei Studierenden, dem Mittelbau und den ProfessorInnen, aber auch bei ausserakademischen BesucherInnen hervorgerufen. Das führte zu einer gesellschaftlichen Durchmischung, die man selten bei kleinen, universitären Anlässen findet. Nicht nur für die Wissensvermittlung, auch für die engagierten Diskussionen war das ein grosser Gewinn. Sehr gefreut haben wir uns auch, dass die abschliessende französischsprachige Veranstaltung genauso gut aufgenommen wurde wie die deutschsprachigen Referate. Wie immer kam auch das selbergemachte Buffet sehr gut an. Damit erfüllte auch das morgendliche Waschen, Rüsten, Schnippeln und Schneiden von Gemüse, Früchten, Käse und Brot seinen Zweck.

Worpswede

Nördlich von Bremen liegt das Teufelsmoor. Die Gegend war vor der Besiedlung im 18. Jahrhundert kein besonders einladender Ort. Die feuchte, undurchdringliche und wenig fruchtbare Landschaft blieb bis ins 20. Jahrhundert nur dünn besiedelt. Für die Bewohner war das Leben im Teufelsmoor ein alltäglicher Kampf gegen die unwirklichen Bedingungen, für Aussenstehende erschien die Moorlandschaft als Refugium einer urwüchsigen Natur. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für Freilichtmalereien liessen sich die Maler Otto Modersohn (1865-1943), Fritz Mackensen (1866-1953) und Hans am Ende (1864-1918) in Worpswede - inmitten dieser Naturlandschaft - nieder. Die 1889 gegründete Künstlerkolonie wurde zu einem wichtigen Knotenpunkt des deutschen Jugendstils, später auch des Impressionismus und Expressionismus. Zu den bekanntesten Bewohnern der Kolonie gehörte der 1894 zugezogene Bremer Künstler Heinrich Vogeler (1872-1942). Sein Wohn- und Arbeitshaus – der sogenannte Barkenhoff – entwickelte sich um 1900 zum Anziehungspunkt für Kunstschaffende. Bekannte Besucher waren unter anderem Rainer Maria Rilke und seine Frau Clara Rilke-Westhoff. Nach dem Ersten Weltkrieg machte Vogeler aus dem Barkenhoff eine selbstversorgende Siedlungskommune mit Arbeitsschule. Mit einem reformpädagogisch und lebensreformerisch inspirierten Erziehungsprogramm versuchte er einen „neuen Menschen“ zu erschaffen, der den Grundstein für eine egalitäre, herrschaftsfreie Gesellschaft bilden sollte. Nach inneren Zerwürfnissen über ideologische Fragen und finanziellen Schwierigkeiten in Folge der Hyperinflation der Nachkriegszeit wurde die Kommune nach wenigen Jahren wieder aufgelöst. Bis 1932 führte die kommunistische Roten Hilfe im Barkenhoff ein Erholungsheim für Kinder. Die Nationalsozialisten erklärten dann viele Bilder der Worpsweder Künstler und Künstlerinnen für "entartet". Vogeler wanderte schon Anfang der 1930er Jahre in die Sowjetunion aus, andere Bewohner der Siedlung sympathisierten hingegen mit dem völkischen Kunstverständnis und liessen sich in das NS-System einspannen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Künstlerkolonie beinahe vergessen. Erst in den 1980er Jahren kaufte die Gemeinde Worpswede den Barkenhoff und wandelte ihn in ein Museum um. In den darauffolgenden Jahren wurden auch viele weitere Gebäude der Kolonie saniert und öffentlich zugänglich gemacht. Heute präsentiert sich Worpswede als „Künstlerdorf“ mit mehreren Museen und vielen kleinen Galerien. Auch Künstler und Künstlerinnen leben und arbeiten wieder im geschichtsträchtigen Dorf im Teufelsmoor.

Hier geht es zur Website der Worpsweder Museen...

Lunch Lecture Series

 

 

Vegetarismus, Veganismus und Flexitarismus liegen im Trend. In der Schweiz hinterfragen immer mehr Menschen ihren Fleischkonsum. Darf man Tiere für unsere Ernährung töten? Welche Rechte haben Tiere? Ist Fleisch für eine gesunde Ernährung notwendig? Schon seit Jahrhunderten wird darüber diskutiert, ob Tiere auf den Speiseplan des Menschen gehören. Die Vortragsreihe «Tiere essen» stellt historische und aktuelle Debatten in Philosophie, Theologie und Anthropologie vor.

 

Eine Vortragsreihe im Rahmen des SNF-Projekts «Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert» und in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Allgemeine Moraltheologie und Ethik der Universität Fribourg.

 

Wann: jeweils mittwochs vom 16. November bis 7. Dezember 2016 zur Mittagszeit (12.15 – 13.30 Uhr). Vorträge bis 13 Uhr, im Anschluss offene Diskussion und vegetarischer Apero.

 

Wo: Universität Freiburg, Miséricorde, MIS 4112 (Salle Jäggi) oder MIS 2029 (Salle de cinéma).

 

Wer: Die Vortragsreihe steht allen Interessierten offen (freier Eintritt). Keine Vorkenntnisse nötig.

 

 

16. November 2016, 12.15 – 13.30 Uhr, MIS 2029 (Salle de cinéma)

Florian Lippke (Fribourg): Homo edens. Theologie und Ideologie des Tierkonsums in der Antike

 

23. November 2016, 12.15 – 13.30 Uhr, MIS 4112 (Salle Jäggi)

Markus Wild (Basel): Hunde, Schweine und Personen. Grundsätzliche Gedanken zur Tierethik

 

Fällt krankheitsbedingt aus!

30. November 2016, 12.15 – 13.30 Uhr, MIS 4112 (Salle Jäggi)

Rainer Hagencord (Münster): Warum wir die einen verspeisen und die anderen verwöhnen. Vom Projekt einer Theologischen Zoologie

 

7. décembre 2016, 12h15 à 13h30, MIS 4112 (Salle Jäggi)

Laurence Ossipow (Genève): Le temps leur a donné raison … : pratiques et références végétariennes en Suisse romande

 

Mehr Informationen auf dem Flyer (PDF...)

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Vortrag in Saarbrücken

"Die Tagung widmet sich der Historisierung von Jugendmedien und richtet sich an NachwuchswissenschaftlerInnen, vorzugsweise aus der Geschichtswissenschaft, aber auch aus historisch arbeitenden Nachbardisziplinen wie Kultur- und Sozialwissenschaften, Pädagogik u.a.

 

Ziel ist es, Jugendmedien sowohl in ihren Inhalten und ihrer Ästhetik als auch in ihrer Eingebundenheit in soziopolitische wie sozioökonomische Rahmenbedingungen zu thematisieren, um ihren Status als soziokulturelle Akteure im 19. und 20. Jahrhundert deutlich zu machen." 

 

 

08. September 2016, 14.30 Uhr

Stefan Rindlisbacher (Fribourg): TAO. Eine transnationale Jugendzeitschrift in der Zwischenkriegszeit

 

 

Hier geht es zum kompletten Programm der Tagung...

Schatzacker Bassersdorf

In den frühen 1930er Jahren versinkt die Schweiz immer tiefer in der Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsencrash im Oktober 1929 in New York ihren Anfang nahm. Einige Lebensreformer und Lebensreformerinnen sahen in der anhaltenden Stagnation der Schweizer Wirtschaft eine historische Gelegenheit, um ihre Ideen von naturnahem Wohnen, genossenschaftlichem Bauen und freiwirtschaftlichen Bodenreformen zu verwirklichen. Zusammen mit Rudolf Müller und Paul Enz gründete Werner Zimmermann 1932 die Siga (Siedlungs- und Gartenbau-Genossenschaft), um in Bassersdorf bei Zürich eine Gartenstadtsiedlung aufzubauen. Bis 1937 umfasste die Siedlungsfläche 8,5 Hektar Land. Neben Einfamilienhäusern waren Handwerksbetriebe wie eine Töpferei, eine biologische Gärtnerei, ein Volkshochschulheim und gemeinschaftliche Nutzflächen für Spielplätze, Anbauflächen und Versammlungsorte geplant. Wie schon auf dem FKK-Gelände in Thielle am Neuenburgersee wurden auch die Siedler und Siedlerinnen in Bassersdorf zur vegetarischen Lebensweise ohne Alkohol und Tabak verpflichtet. Durch die regelmässigen Vorträge, Kurse und Feste entwickelte sich der Schatzacker bald zu einem Fixpunkt der Schweizer Lebensreformbewegung. Heute verändert sich die Gestalt der Siedlung immer schneller. Die stadtnahe Lage mit ihren vielen Naherholungsorten und der guten Anbindung an den öffentlichen Verkehr hat in den letzten Jahren einen veritablen Bauboom ausgelöst. Einige Gebäude der alten Siedlung sind aber noch übrig geblieben. Weshalb sich ein Besuch für alle lohnt, die sich für die Geschichte der Lebensreform in der Schweiz interessieren.

Diefenbach auf Capri

Die Insel Capri, unweit vor der Küste Neapels, gehörte um 1900 – ähnliche wie der Monte Verità in Ascona – zu den transnationalen Treffpunkten der Intellektuellen, Kunstschaffenden und Bohemiens wie auch der Lebensreformer und Lebensreformerinnen in Europa. Bekannte Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke oder Maxim Gorki waren ebenso wie der deutsche Industrielle Friedrich Alfred Krupp und der erste Nobelpreisträger für Medizin, Emil Adolf von Behring, längere Zeit auf Capri. Später versammelte Filippo Tommaso Marinetti die Futuristen auf der Insel vor Neapel. Einige Maler wie Hans Paule oder Otto Sohn-Rethel liessen sich dort für viele Jahre nieder. Nach Skandalen, juristischen Auseinandersetzungen und finanziellen Engpässen verschlug es auch den deutschen Symbolisten und Lebensreformer Karl Wilhelm Diefenbach auf die italienische Insel. Ab 1899 bis zu seinem Tod im Jahr 1913 lebte und arbeitete der „Kohlrabi-Apostel“ auf Capri. Unschwer lassen sich auf vielen Bildern aus dieser Zeit die steilen Küsten mit der rauen See und die berühmten Grotten der Insel erkennen.

In der Certosa di San Giacomo gibt es eine Dauerausstellung mit Werken Diefenbachs und einen wunderbaren Blick auf die beeindruckenden Naturkulissen, die vor über 100 Jahren nicht nur Diefenbach zum Verweilen auf Capri veranlassten.

Artikel Vegetarismus

Das Wissenschaftsmagazin universitas der Universität Freiburg beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe mit dem Vegetarismus (Nr. 4, Juni 2016). Unter dem Titel "Hauptsache fleischlos" befasse ich mich auf Seite 31-32 mit der Geschichte der vegetarischen Ernährung in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert.

 

Die komplette universitas-Ausgabe mit dem Artikel zur Geschichte des Vegetarismus in der Schweiz ist online verfügbar. Hier geht es direkt zum PDF.

Bericht Geschichtstage

Auf infoclio.ch (Fachportal für die Geschichtswissenschaften der Schweiz) ist ein Bericht von Anina Eigenmann (Universität Bern) über das Panel "Lebensreform und alternative Lebensstile im 20. Jahrhundert: Gegenmächte im Alltagsleben" an den Vierten Schweizerischen Geschichtstagen erschienen.

 

Zum Bericht...

Schweizer. Geschichtstage

Lebensreform und alternative Lebensstile im 20. Jahrhundert:

Gegenmächte im Alltagsleben

 

Samstag, 11. Juni 2016

13:45 bis 15:15 Uhr

Université de Lausanne, Raum 2060

 

Sexualmoral, Familienmodelle, Ernährungsgewohnheiten, Arbeitsethos oder Konsumverhalten – Normen, Werte und Sitten werden laufend bewertet, hinterfragt und neu bestimmt. Ein Blick auf diese Aushandlungsprozesse verrät viel über die Machtverhältnisse in Gesellschaften. Bis ins 19. Jahrhundert diktierten wenige Akteure aus Staat, Kirche und Gesellschaft die Regeln des Zusammenlebens. Mit dem Bedeutungsgewinn der Medien, sozialen Bewegungen und Akteuren aus der Zivilgesellschaft erfolgte eine Pluralisierung des gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses. Zu den neuen (Gegen-)Mächten gehörten auch jene Gruppen, Bünde und Milieus, die unter dem Begriff „Lebensreform“ summiert werden. Mit ihren Forderungen nach einer Veränderung der Ernährung, Erziehung, Sexualität, Medizin, Wohnformen oder Freizeitbeschäftigungen stellten sie sich gegen geltende Gewissheiten, Verhaltensregeln und Lebensweisen.

Durch den oftmals geringen Organisationsgrad und den individualistisch-selbstreformerischen Ansatz lassen sich lebensreformerische Praktiken als niederschwellige Formen der alltäglichen Opposition gegenüber etablierten Mächten und deren Wertvorstellungen beschreiben. Der Verzicht auf Fleisch, Alkohol und Nikotin, der Konsum biologischer Nahrungsmittel, alternative oder komplementäre Formen der Gesundheitsbehandlung, fernöstliche und neureligiöse Spiritualität oder das Tragen von Reformkleidung lassen sich mit wenig Aufwand in das alltägliche Leben integrieren. Dazu sind keine mächtigen Organisationen, Parteien oder Interessensgruppen nötig. Trotzdem können solche Praktiken nachhaltigen Einfluss auf die Gestalt einer Gesellschaft ausüben.

Das Panel fragt nach den Räumen, in denen lebensreformerische Akteure alternative Lebensstile verhandelten und erprobten, den gesellschaftlichen Widerständen, mit denen sie zu kämpfen hatten und den Prozessen, durch die marginalisiertes Wissen in die Mitte der Gesellschaft vordringen konnte und damit den gesellschaftlichen Wandel beschleunigte. Obwohl lebensreformerische Konzepte und Praktiken oft belächelt, manchmal scharf kritisiert und zum Teil auch juristisch verfolgt wurden, haben sie sich im 20. Jahrhundert von Randphänomenen zu wirkungsvollen Alltagspraktiken entwickelt, die heute starken Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Alternative Lebensstile wie sie durch lebensreformerische Akteure geprägt wurden, sind heute nicht mehr Opposition, sondern selbstverständlicher Bestandteil der Gesellschaft.

 

Referate

  • Stefan Rindlisbacher : „Nacktheit ist sittlich“ – Entstehung, Konflikte und Etablierung der Freikörperkultur in der Schweiz (1900-1930) (mehr Informationen...)
  • Eva Locher : „Auf die verschiedensten Arten will man die Welt verbessern“ – Lebensreformerische Gesellschaftsveränderung in den 1960er und 1970er Jahren (mehr Informationen...)
  • Philipp Karschuck: Komplementärmedizin in der Palliative Care. Anthroposophische Sterbebegleitung seit den 1980er und 1990er Jahren (mehr Informationen...)

 

Hier geht es zur Website der Schweizerischen Geschichtstage 2016 in Lausanne.

 

Modernisme in Barcelona

Um 1900 breitete sich in ganz Europa ein neuer Kunst- und Architekturstil aus, der sich sowohl gegen den wenig innovativen Historismus als auch die kalte Industriemoderne positionierte. Ob als Jugendstil, Art nouveau oder Arts & Crafts – überall war man auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten in der Moderne. Die geschwungenen Linien und Ornamente orientierten sich meist an Vorbildern in der Natur wie Pflanzen und Tiere, aber auch geometrische Formen und Wellenbewegungen waren häufig verwendete Motive.

 

In Katalonien wurde diese Bewegung Modernisme genannt. Als einer der Hauptvertreter ist Antoni Gaudí (1852-1926) zu nennen. Seine Gebäude gehören heute vor allem in Barcelona zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten. Die ornamentalen Verzierungen erinnern an die Wiener Secession oder die Darmstädter Künstlerkolonie. Wenn man die Sagrada Família betritt, könnte man sich auch in einen nie gebauten Tempel von Fidus versetzt fühlen. Die organische Architektur erinnert aber auch an das Goetheanum in Dornach. Noch deutlicher werden die Verbindungen bei den Möbeln und kunstgewerblichen Produkten: Das kleine Museu del Modernisme Català unweit der Passeig de Gràcia bietet einen schönen Einblick in diese Arbeiten.

 

Antoni Gaudí trank keinen Alkohol und war strikter Vegetarier. Vor allem in späteren Jahren pflegte er eine Lebensweise, die den Idealen der Lebensreformbewegung entsprach. Es gibt sogar Hinweise, dass sich Gaudí mit den Schriften des deutschen Naturheilers Sebastian Kneipp (1821-1897) beschäftigte.

Ausstellung: Monte VeritÀ

Artvera’s Gallery Geneva

“Monte Verità: Expressionist Utopia”

15. April ‒ 30. Juli 2016

 

Die Ausstellung zeigt den Einfluss der Lebensreform- und Freikörperkulturbewegung auf Avantgarde-KünstlerInnen wie Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Ernst Ludwig Kirchner und Arthur Segal. Insbesondere der Monte Verità entwickelte sich im frühen 20. Jahrhundert zu einem Anziehungspunkt für Künstler, Philosophen und Intellektuelle. Auch später suchten Kunstschaffende jeglicher Couleur in den Schweizer Alpen und insbesondere im Tessin nach Fluchtpunkten und Gegenräumen.

 

Künstler in der Ausstellung: Max Beckmann, Wladimir Burliuk, Vladimir Davidovich Baranov-Rossiné, André Derain, Kees van Dongen, Erich Heckel, Alexey von Jawlensky Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, August Macke, Edvard Munch, Otto Mueller, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Marianne von Werefkin, Georg Tappert und Arthur Segal. (mehr Informationen...)

Mit der Ausstellung ist auch ein Katalog mit Texten zur Geschichte des Monte Verità, der Lebensreform- und Freiköperkulturbewegung sowie der Avantgarde-KünstlerInnen erschienen.

 

Texte von Angelica Jawlensky Bianconi, Direktorin des Alexej von Jawlensky Archivs in Locarno, Andreas Schwab, Kurator der Monté Verità Foundation Ascona, Stefan Rindlisbacher, Historiker Universität Freiburg, Sofia Komarova, Direktorin der Artvera’s Gallery und Denise Marroquin und Flaminia Scauso, Kunsthistorikerinnen. (mehr Informationen...)

 

 

·         Bilingual Edition French/ English, colour illustrations

·         ISBN 978-2-9700840-8-2

·         Published by Artvera's Gallery

 

 

Tagung und Exkursion in Wien

Rückblick auf die Tagung "Ein ungleiches Paar – Arbeit und Freizeit in Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts", Universität Wien (21.01.2016 - 23.01.2016).

 

Zur Lebensreform gehörten vor allem veränderte Alltagspraktiken im Bereich der Ernährung, Kleidung, Körperpflege und Gesundheitsbehandlung. Viele lebensreformerische Handlungsanweisungen zielten auf die individuelle Lebensweise. Das bedeutet aber nicht, dass gesamtgesellschaftliche Fragestellungen keine Rolle spielten. Gerade der Blick auf die Problematisierung von Arbeit und Freizeit macht deutlich, wie stark das lebensreformerische Milieu auf soziokulturelle Trends reagierte. Viele lebensreformerische Aktivitäten wurden überhaupt erst durch die allmähliche Zunahme der Freizeit im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ermöglicht. Gleichzeitig wurde die frei werdende Zeit spätestens in den 1920er Jahren immer stärker als Bedrohung der lebensreformerischen Gesundheitsideale wahrgenommen. Die Tagung an der Universität Wien machte deutlich, dass sich die LebensreformerInnen damit in einem illustren Kreis bewegten. Ob für staatliche, wirtschaftliche oder pädagogische Akteure, die frei werdende Zeit sollte durch Regulierung und/oder Selbstdisziplinierung so schnell wie möglich unter Kontrolle gebracht werden. Aus lebensreformerischer Perspektive sollte die Freizeit nicht aus frei verfügbarer Dispositionszeit bestehen, sondern die Gestalt einer regulierten, gesundheitsfördernden Obligationszeit annehmen. Letztlich ging es um die Steigerung der Arbeitsleistung während der Freizeit. Kaum hatten die Menschen sich mehr Freizeit erstritten, lösten sich die Grenzen zwischen diesen Räumen schon wieder auf. Damit ist auch die vielbeklagte Entgrenzung von Arbeit und Freizeit nicht nur ein Phänomen unserer digitalisierten Epoche, sondern kann auf eine lange Vorgeschichte zurückblicken.

 

Nach der Tagung blieb noch ein wenig (Frei-)Zeit, um den Spuren der Wiener Moderne zu folgen. Wie die Ausstellung „Künstler und Propheten – Eine geheime Geschichte der Moderne 1872-1972“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und der dazugehörige Ausstellungskatalog (Hrsg. von Pamela Kort und Max Hollein, Köln 2015) sehr schön gezeigt haben, gibt es vielfältige Verbindungen zwischen lebensreformerischen Künstlern wie Karl Wilhelm Diefenbach und Fidus mit Vertretern der Wiener Moderne wie Gustav Klimt und Egon Schiele. Unter anderem habe Diefenbach mit seinem Wandfries Per aspera ad astra Gustav Klimts Arbeit am weltberühmten Beethoven-Fries in der Wiener Secession beeinflusst. Wobei nicht nur auf die ähnliche Auswahl der Themen und Motive hingewiesen wird, sondern auch auf die Selbstinszenierung der Künstler als Propheten. Nicht zuletzt lässt sich auch anhand der heute noch erhaltenen Jugendstilbauten in Wien erkennen, wie stark sich die Reformbewegungen im frühen 20. Jahrhundert in ganz Europa gegenseitig beeinflussten.

Artikel FKK in der Schweiz

Schweizerische Zeitschrift für Geschichte (Vol. 65, 2015, Nr. 3)

Stefan Rindlisbacher: Popularisierung und Etablierung der Freikörperkultur in der Schweiz (1900–1930), Seite 393-413. (mehr Informationen...)

 

Der Artikel folgt der Popularisierung freikörperkultureller Konzepte und Praktiken in der Schweiz in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Zum einen wird nach den ersten Hinweisen auf das nackte Baden in Licht, Luft und Wasser in der Schweizer Naturheilbewegung um 1900 gefragt, zum anderen wird der Übergang zum lebensreformerisch imprägnierten Nacktbaden in den 1920er Jahren dargestellt. Neben einem kurzen Blick auf Schweizer Naturheilärzte wie Arnold Rikli, Friedrich Fellenberg-Egli und Adolf Keller-Hoerschelmann konzentriert sich der Artikel vor allem auf die ersten freikörperkulturellen Gruppierungen der 1920er Jahre bis zur Gründung des "Schweizerischen Lichtbundes" 1927. Dabei wird nach den Transferprozessen gefragt, durch die freikörperkulturelle Konzepte und Praktiken in die Schweiz gelangen konnten. Vor allem zwischen Deutschland und der Schweiz gab es einen intensiven Austausch lebensreformerischer Gesundheits-, Erziehungs- und Gesellschaftsvorstellungen. Im Fokus steht hier vor allem der Lebensreformer Werner Zimmermann, der mit seinen Publikationen, Vorträgen und Ferienlagern nicht nur die Entwicklung der Freikörperkultur in der Schweiz, sondern auch vieler weiterer lebensreformerischer, reformpädagogischer und gegenkultureller Aktivitäten geprägt hat.

 

Die Beiträge der Schweizerischen Zeitschrift für Geschichte stehen 12 Monate nach dem Erscheinen frei zur Verfügung ("Open Access"). (mehr Informationen...)

Vortrag in Wien

Ein ungleiches Paar – Arbeit und Freizeit in Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts

 

Konferenz vom 21.01.2016 - 23.01.2016 an der Universität Wien. (mehr Informationen...)

 

Freitag, 22. Januar 2016, 9:00-10:30, Bildungszentrum der Arbeiterkammer Wien:

Stefan Rindlisbacher: Ferien als „schöpferische Pause“. Arbeit und Freizeit aus lebensreformerischer und reformpädagogischer Perspektive

Workshop Freiburg

Rückblick auf den Workshop "Von der Lebensreform- zur Alternativbewegung" am 30. Oktober 2015 an der Universität Freiburg.

 

Seit Wolfgang Krabbe in den 1970er Jahren die lebensreformerischen Akteure zum ersten Mal in spezifische und periphere Teilbereiche einordnete, haben Generationen von Forschern und Forscherinnen nach einer sinnvollen Beschreibung der disparaten Ideen und Praktiken der Lebensreformbewegung gesucht. Am 30. Oktober 2015 trafen sich gleich mehrere dieser Generationen an der Universität Freiburg um über die Zukunft dieser Forschungsrichtung in der Schweiz zu sprechen. Da es im Unterschied zu Deutschland bis heute kaum Forschungsliteratur zur Lebensreform in der Schweiz gibt, stehen Forschende nicht nur vor der Frage, wie sie ihren Untersuchungsgegenstand im weitläufigen Spektrum der Lebensreformbewegung verorten können, sondern auch vor dem Problem, dass lebensreformerische Akteure in den Narrativen der bisherigen Geschichtsschreibung der Schweiz praktisch unsichtbar sind. Das gilt nicht nur für lebensreformerische Gruppierungen, Bewegungen und Milieus, sondern insgesamt für weite Teile des „alternativen“ oder „gegenkulturellen“ Spektrums der Schweizer Gesellschaft. Der Workshop hat deshalb nicht nur Entwicklungen und Kontinuitäten lebensreformerischer Akteure betrachtet, sondern auch nach personellen Verbindungen und inhaltlichen Überschneidungen mit verwandten Forschungsbereichen gefragt. Neben den beiden Doktorierenden des Forschungsprojekts „Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“ nahmen deshalb auch drei Doktorierende mit Dissertationsprojekten zur Theosophie, Sexualreformbewegung und Alternativbewegung der 1970er Jahre teil.

Komplementiert wurde die Runde durch einige ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der Lebensreform- und Alternativbewegungen. Mit Ulrich Linse (München) konnten wir einen der Pioniere dieser Forschungsrichtung einladen. Mit seinen Studien über die deutschen „Landkommunen“, „Barfüßigen Propheten“ und seiner „Geschichte der ökologischen Bewegungen in Deutschland“ hat Ulrich Linse die historische Erforschung „linksalternativer“ Bewegungen geprägt. Ebenso einflussreich sind Uwe Puschners (Berlin) Beiträge zur Geschichte völkischer und neureligiöser Akteure. Seine Habilitationsschrift über die „völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich“ gehört zu den Standardwerken dieser Forschungsrichtung. Kaum jemand hat sich in der Religions- und Geschichtswissenschaft so intensiv mit Theosophie, Anthroposophie und Spiritismus beschäftigt wie Helmut Zander (Freiburg). Mit seiner Teilnahme am Workshop konnte auch über die Verbindungen zwischen  Theosophie, Lebensreform- und Alternativbewegungen im 20. Jahrhundert eine fachkundige Diskussion stattfinden. Als wissenschaftlicher Leiter des  Forschungsprojekts „Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“ kennt sich Damir Skenderovic (Freiburg) nicht nur mit lebensreformerischen Akteuren aus, mit seinen Arbeiten zu 1968 sowie den neuen Linken und Rechten spannt er auch den Bogen zu den Alternativbewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Leider konnte Patrick Kury (Bern) nicht am Workshop teilnehmen. In seiner Arbeit über die „Wissensgeschichte vom Stress zum Burnout“ beschreibt er lebensreformerische Bewältigungsstrategien in der „modernen Leistungsgesellschaft“. Damit gehört er zu den wenigen Historikern in der Schweiz, die sich bereits mit Lebensreform beschäftigt haben.

 

Die fünf Referate des Workshops wurden jeweils durch kurze Kommentare und ausführliche Diskussionen abgerundet. Den Anfang machte Judith Bodendörfer (Freiburg) mit ihrem Referat über die Interdependenz von Theosophie und Humanwissenschaft um 1900. Die 1875 gegründete Theosophische Gesellschaft versuchte die westliche Naturwissenschaft mit östlicher Spiritualität zu kombinieren. Die aufgeklärte, rationalistisch-materialistische Weltdeutung sollte durch esoterische Wissensbestände ergänzt werden. Nicht eine vormoderne, wissenschafts- und technikfeindliche Gesellschaft wurde damit herbeigesehnt, sondern eine andere Moderne, die eine „Versöhnung“ zwischen Wissenschaft und Religiosität, zwischen Mensch und Natur ermöglichen sollte. Nicht nur die TheosophInnen suchten in den buddhistischen und hinduistischen Wissensbeständen nach einer „ganzheitlichen“ Deutung des Menschen und seiner Umwelt. Auch für die Jugend- und Lebensreformbewegung ging nach den erschütternden Erfahrungen des Weltkrieges der Blick nach Osten. Die Mazdaznan-Bewegung ist nur eine von vielen Verbindungen zwischen Lebensreform und Theosophie. Aber auch die Begeisterung der Alternativ- und Hippiebewegung für hinduistische Körperpraktiken und indische Gurus in den 1960er- und 1970er Jahren erscheint in der longue durée-Perspektive als Fortführung tradierter Handlungsmuster. Geht man davon aus, dass die Auswahl, Übersetzung und Neukonfigurationen religiöser Schriften durch theosophische Akteure, die Rezeption asiatischer Religiosität im 20. Jahrhundert nachhaltig beeinflusst haben, ist es plausibel, dass sich die Wege der TheosophInnen, LebensreformerInnen und Hippies gekreuzt haben.

Weiter ging es mit Judith Grosse (Zürich) und dem Thema Das ‚Exotische‘ in der Sexualreformbewegung – Differenz, Kritik und Begehren in deutschen Ehereformzeitschriften (1925-1933). Ähnlich wie die Theosophie versuchte auch die Sexualreformbewegung die westlichen Wissensbestände mit „exotischem“ Wissen zu erweitern. Die Auflösung religiöser Autoritäten und Gewissheiten durch Verwissenschaftlichung und Historismus erzeugte ein Klima der Unsicherheit. Je mehr Geheimnisse der menschliche Körper Preis gab, desto stärker wurden Sexualität, Fortpflanzung und Partnerschaft zu profanen Alltäglichkeiten. Kaum verwunderlich verlor die „Heiligkeit“ der Ehe im Zeitalter der Evolutionstheorie an Strahlkraft. Die Sexualreformbewegung arbeitete an dieser Entzauberung des Sexuellen tatkräftig mit. Wie bei der Theosophie begann damit aber auch die Suche nach neuen Gewissheiten: Bei aussereuropäischen Kulturen – unter anderem in Indien – wurde nach anderen, „natürlicheren“ Formen der Sexualität und Partnerschaft gesucht. Gerade für die lebensreformerische Freikörperkultur war diese Neukonfiguration der Sexualität von entscheidender Bedeutung. Nicht selten wurde die „Wissenschaftlichkeit“ der eigenen Überzeugungen mit Hinweis auf VertreterInnen der Sexualreformbewegung legitimiert. Gleichzeitig steigerte sich mit der vollständigen Enthüllung des menschlichen Körpers die Entzauberung des Sexuellen zur Entsexualisierung des Körperlichen. Auch hier versprach der Blick auf die „fremden Kulturen“ eine Lösung: Durch „exotische“ Sexualpraktiken wie Tantra oder Karezza konnte der entsexualisierte Körper auf einer spirituellen und damit unverfänglichen Ebene wieder erotisch aufgeladen werden. Eine Handlungsweise, die bis in die Gegenwart immer wieder neue Konjunkturen erlebt.

Dann folgten die beiden Referate zur „Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“. Ich konzentrierte mich dabei auf den Zusammenhang zwischen Jugend- und Lebensreformbewegung. So gab ich meinem Referat den Titel «Zur Jugendbewegtheit gehört die Zielrichtung der Lebensreform. Die Konstruktion einer lebensreformerischen Weltanschauung in der ‚TAO‘-Zeitschrift (1924-1937)». Das Zitat stammt vom Schweizer Lebensreformer Werner Zimmermann. Wie kaum ein anderer hat Zimmermann die Lebensreform in der Schweiz der Zwischenkriegszeit geformt und nachhaltig geprägt. In seiner TAO-Zeitschrift versuchte er die Umgestaltung der jugendlichen Protestbewegung in eine lebensreformerische „Freiheitsbewegung“ anzustossen. Wie für Periodika aus dem lebensreformerischen Spektrum typisch, findet man in TAO eine überwältige Vielfalt an Themen, sowohl aus den Bereichen Ernährung, Gesundheit, Sport, Wohn- und Arbeitsformen, Sexualität und Adoleszenz als auch zu Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie wirtschaftliche und politische Ordnungsvorstellungen. Aber gerade entlang der Frage, wie sich die Jugendbewegung in den 1920er Jahren weiterentwickeln sollte, verdichteten sich zentrale Diskurse, die für die Lebensreform in der Schweiz prägend wurden und auch Richtungskämpfe innerhalb der 1968er, der neuen Linken und des „alternativen“ Milieus der 1960er und 1970er Jahre vorwegnahmen. Wie stark die lebensreformerischen Ideen und Praktiken der Zwischenkriegszeit in der Schweiz auch nach 1945 rezipiert wurden, zeigte uns Eva Locher mit ihrem Beitrag «Auf die verschiedensten Arten will man die Weltverbessern» - Die Lebensreformer in der internationalen Freikörperkultur (1960er-1980er Jahre). Während viele deutsche FKK-Gruppierungen die lebensreformerischen Inhalte zugunsten einer freizeit- und sportorientierten Haltung aufgaben, blieben die ernährungs-, körper- und erziehungsreformistischen Konzepte und Praktiken in der Schweiz bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bestehen. Wodurch die Schweiz – wie schon oft zuvor – ein Anziehungspunkt für LebensreformerInnen aus aller Welt wurde. Jedoch war aus der ehemals jugendlichen Bewegung, ein lebensreformerisches Milieu mit AnhängerInnen aus verschiedensten Altersgruppen geworden.

Durch die Erschütterungen der 1968er-Bewegung politisiert, erlebte die Jugendbewegung in den 1970er Jahren einen neuen Aufschwung. Wieder ging es um eine andere Lebensweise und um neue Formen des Zusammenlebens, wieder spielte die Suche nach Spiritualität, nach einer anderen Form der Religiosität, eine wichtige Rolle, auch über Sexualität und Partnerschaft wurde gesprochen – so laut wie nie zuvor - und wieder zog es junge Leute aufs Land, in die Natur. Zwei jugendbewegte Gruppierungen aus Österreich und der Schweiz gründeten 1973 die Europäische Kooperative Longo Mai. Von dieser Geschichte erzählte uns Katharina Morawietz (Freiburg) zum Abschluss des Workshops in ihrem Referat Die Gründung von Longo maï – wie aus lokalem Protest ein transnationales Gemeinschaftsprojekt entstand. Wie es schon Zimmermann in den 1920er Jahren mit seiner lebensreformerischen „Freiheitsbewegung“ forderte, wollte Longo Mai nicht nur die individuelle Lebensweise jedes Einzelnen verändern, sondern strebte auch eine Wirtschafts- und Gesellschaftsform an. Dazu schloss man sich aber nicht dem gewaltbereiten, „revolutionären Kampf“ marxistischer Gruppen an - auch an der etablierten Parteipolitik hatte man keine Interesse - vielmehr setzte man wie schon die LebensreformerInnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf eine praxisorientierte, lokale Umsetzung der angestrebten Ideale.

 

Der Workshop ermöglichte den Blick über den Tellerrand des eigenen Forschungsthemas. Gerade bei der eklektischen Lebensreform ist diese offene Perspektive unvermeidlich, verstärkt aber auch die Grundproblematik dieser Forschungsrichtung: Wegen der enormen Anschlussfähigkeit der Lebensreform mit anderen (Welt-)Anschauungen und ideologischen Versatzstücken versagen die gängigen Ordnungskategorien. Das gilt nicht nur für lebensreformerische Akteure, sondern auch für die Alternativbewegungen der 1970er Jahre. Wenn „linksalternative“ Jugendgruppen aufs Land ziehen, ein funktionierendes Unternehmen aufbauen, dabei massive Unterstützung – auch aus kirchlichen Kreisen und besonders aus bildungsbürgerlichen Schichten – erhalten, dann muss man sich fragen, ob die bisherigen Analysekategorien noch ausreichen. Die longue durée-Perspektive ermöglicht es, "alternative" und „gegenkulturelle“ Akteure aus ihrer Zeitgebundenheit herauszulösen und nach Kontinuitäten dieser Form der Gesellschaftskritik zu fragen. Gerade für die Geschichtsschreibung der Schweiz ist eine Aufarbeitung dieser bisher kaum beachteten Gruppierungen, Bewegungen und Milieus von grossem Interesse: Nicht nur der Monte Verità war ein globaler Anziehungspunkt für lebensreformerische Akteure, die Schweiz war über das gesamte 20. Jahrhundert ein Drehpunkt der Lebensreform- und Alternativbewegungen. Aber weil diese Akteure nie mit Gewalt oder lautem Gepolter aufgetreten sind, fehlen ihre Ausrufezeichen in der Geschichtsschreibung der Schweiz. Schaut man genauer hin, zeigt sich jedoch, dass diese Gruppierungen, Bewegungen und Milieus einen starken und nachhaltigen Einfluss auf die Schweizer Gesellschaft ausüben konnten. Deshalb werden wir im Forschungsprojekt „Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert“ die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter vorantreiben, die longue durée-Perspektive noch stärker betonen und mit Blick auf die transnationalen Aspekte der Thematik auch weiterhin den Kontakt mit Forschenden aus aller Welt suchen.

Exkursion Freidorf Muttenz

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Wege zum Glück? – Utopien und alternative Lebensformen gestern und heute" des Schweizerischen Sozialarchivs organisierte der Historiker Andreas Schwab am Samstag, 12. September 2015 eine Exkursion ins Freidorf Muttenz. Matthias Möller, der in seiner Dissertation an der Universität Tübingen die Siedlung untersucht hatte, führte einen Teil der Besuchergruppe durch die Anlage. Philipp Potocki spazierte mit dem zweiten Teil. Als Bewohner des Freidorfes gab er auf seinem Rundgang spannende Einblicke in den Alltag.

Die Siedlung Freidorf, erbaut von 1919 bis 1921, verbindet die Gartenstadtidee mit dem Genossenschaftsgedanken. Sie befindet sich in Muttenz im Kanton Basellandschaft am Stadtrand von Basel und umfasst 150 Häuser mit grossen Gartenflächen. Ihr Gründer, Bernhard Jäggi, war Nationalrat und Präsident der Verwaltungskommission des Verbandes Schweizerischer Konsumvereine VSK, heute Coop. Als Architekt amtete Hannes Meyer.

Im an die Führungen anschliessenden Referat im Genossenschaftshaus präsentierte Matthias Möller die Ergebnisse seiner Forschung. Der Vorstand des Freidorfes verfolgte als ursprüngliches Ziel in den 1920er Jahren weitere Siedlungsgründungen mit einem Alltag jenseits der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft. Der utopische Charakter ging seit den 1950er Jahren jedoch immer mehr verloren. Wohlstand und Wirtschaftsaufschwung in der Nachkriegszeit verdrängten die genossenschaftlichen Einrichtungen. Stand in jedem Keller und in jeder Küche eine Waschmaschine und ein Kühlschrank, waren die gemeinsame Waschanlage und das Kühllager überflüssig. Die Abkehr von der Gründungsidee zeigte sich auch im Engagement der Bewohner: die Kommissionen für Einrichtungen wie den Genossenschaftsladen, kulturelle Veranstaltungen oder Bildung hatten immer mehr Mühe, Mitglieder zu finden. Gleichzeitig veränderte sich die demographische Struktur, weil die ersten Bewohner im Freidorf älter wurden. Zwar zogen und ziehen weiterhin neue Familien in die Siedlung, heute ist den meisten aber nicht mehr bewusst, welch aussergewöhnlicher Pioniercharakter ihr Wohnort zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte.

 

Website Freidorf Muttenz

Workshop Lebensreform

Im Rahmen des SNF-Projekts «Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert» findet am 30. Oktober 2015 an der Universität Fribourg ein Workshop für Master-Studierende und Doktorierende zum Thema «Von der Lebensreform- zur Alternativbewegung - Eine andere Geschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert?» statt.

 

Obwohl seit einigen Jahren das Forschungsinteresse an der Lebensreform-, Sexualreform- und Jugendbewegung, an der Theosophie und Anthroposophie, an der 1968er-, Ökologie- und Alternativbewegung auch in der Schweiz zunimmt, blieben die Untersuchungen bisher räumlich und zeitlich auf einzelne Akteure und enge Zeiträume beschränkt. Der Workshop soll die Forschungsperspektive öffnen: Einerseits werden durch die longue durée-Perspektive Entwicklungen und Kontinuitäten sichtbar, andererseits zeigen sich durch die Gegenüberstellung verschiedener Akteure personelle Verbindungen und inhaltliche Überschneidungen, die bisher kaum thematisiert wurden.

 

Der Workshop richtet sich an Master-Studierende und Doktorierende aus geschichts-, kultur-, religions- und sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen.


Wir bitten um eine Anmeldung mit Name und Studienrichtung bis spätestens 25. Oktober: anmeldung@lebensreform-zeitgeschichte.ch

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Veranstaltungsreihe Sozialarchiv

Das Sozialarchiv in Zürich organisiert zusammen mit dem Historiker und Kurator Andreas Schwab zwischen August und November mehrere Veranstaltungen zum Thema "Wege zum Glück? – Utopien und alternative Lebensformen gestern und heute". Mehr Informationen...

 

Donnerstag, 27. August 2015, 19.00 Uhr:

Utopien revisited – im Schnellgang durch 200 Jahre anderes Leben

Referate von Christian Koller, Andreas Schwab und Damir Skenderovic

Schweizerisches Sozialarchiv, Theater Stadelhofen

Veranstaltungsflyer

 

Samstag, 12. September 2015, 14.30 Uhr:

Freiheit im Freidorf? Ein genossenschaftliches Pionierprojekt auf dem Prüfstand

Führung durch das Freidorf Muttenz mit Philipp Potocki und Referat von Matthias Möller

Exkursion ins Freidorf Muttenz

Veranstaltungsflyer

 

Dienstag, 29. September 2015, 20.00 Uhr:

Monte Verità – eine szenische Textcollage mit Tanz und Musik

Texte, Bilder, Musik und Tanz mit Richard Butz, Nathalie Hubler, Claudia Roemmel und Julian Sonderegger

Schweizerisches Sozialarchiv, Theater Stadelhofen

Veranstaltungsflyer

 

Dienstag, 13. Oktober 2015, 19.00 Uhr:

Longo Maï – eine selbstverwaltete Kooperative vor neuen Herausforderungen

Prodiumsdiskussion mit Kathi Hahn, Hannes Reiser und Katharina Morawietz

Schweizerisches Sozialarchiv, Theater Stadelhofen

Veranstaltungsflyer

 

Donnerstag, 26. November 2015, 19.00 Uhr:

ICF – Erfahrungen eines Fotografen

Fotopräsentation von Christian Lutz mit Diskussion

Schweizerisches Sozialarchiv, Theater Stadelhofen

Veranstaltungsflyer

Ausstellung in Potsdam und Obstbausiedlung Eden

Im «Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte» in Potsdam ist zurzeit die Ausstellung «EINFACH. NATÜRLICH. LEBEN Lebensreform in Brandenburg 1890–1939» zu sehen. Nach einem topografischen Ausstellungskonzept werden verschiedene Orte in Brandenburg vorgestellt, die in Verbindung mit lebensreformerischen Ideen standen. So zum Beispiel die FKK-Vereine am Motzener See, Gustav Nagel Zuflucht am Arendsee und die Spuren der Wandervogelbewegung rund um Berlin. Mehr Informationen...

Neben der Ausstellung findet ein umfangreiches Begleitprogramm statt. Es gibt Filme aus der Zeit, Vorträge über Themen und Akteure der Lebensreform, Podiumsgespräche und Führungen zu den vorgestellten Orten. Hier geht es zum Programm (PDF).

 

Einer der thematisierten Orte ist die «Obstbausiedlung Eden» in Oranienburg. Leicht erreichbar von Berlin aus, bietet sich die Siedlung für einen Tagesausflug an. Eden gehört zu den langlebigsten Orten mit lebensreformerischem Hintergrund. Schon 1893 machten sich die ersten Pioniere auf, um das brachliegende Land zu bewirtschaften und erste Gebäude zu errichten. Es waren vor allem Akademiker, Kaufleute und Künstler, die sich von der Grossstadt abwendeten und ein anderes Leben auf dem Land suchten. Die Bindungen zum vielgescholtenen Berlin wurden aber nie gekappt. Eden war keine autarke Aussteigersieglung, vielmehr bauten sich die SiedlerInnen mit ihren Gärtnereien und Plantagen florierende Unternehmen auf.

Eden durchlebte in seiner über 120jährigen Geschichte verschiedenste politische Systeme in Deutschland. Nach Kaiserreich und Weimarer Republik folgten unter den Nationalsozialisten die Gleichschaltung und Eingliederung in die NS-Agrarpolitik. Nach dem Krieg mussten sich die SiedlerInnen in das planwirtschaftliche System der DDR einfügen. Mit der Wende konnten viele Betriebe ihre Arbeit nicht mehr weiterführen. Auch wenn die Ideale der Lebensreform nicht mehr von allen BewohnerInnen geteilt werden, bleibt die Siedlung bis heute lebendig. Führungen durch die wunderschöne, kleine Ausstellung der Siedlung gibt es jeden Sonntag zwischen 14 und 17 Uhr. Mehr Informationen…

Call for Papers - 4. Schweiz. Geschichtstage

Am 9. bis 11. Juni 2016 finden an der Universität Lausanne die 4. Schweizerischen Geschichtstage statt. Wir werden mit unserem Forschungsprojekt im Panel «Lebensreform und alternative Lebensstile im 20. Jahrhundert: Gegenmächte im Alltagsleben» daran teilnehmen. Bis zum 25. August 2015 haben Forscherinnen und Forscher noch Zeit, sich im Rahmen des Call for Papers mit einem Beitrag für die Panels zu bewerben. Auch in unserem Panel ist noch ein Platz für ein Referat frei.

 

Mehr Informationen zu den Geschichtstagen und zum Call for Papers gibt es hier.

Hier geht es direkt zu unserem Panel.

Artikel - "FKK als Trendsetter"

Die aktuelle Ausgabe  des Wissenschaftsmagazins universitas der Universität Freiburg beschäftigt sich mit dem Thema «Schönheit» (Nr. 4, Juni 2015). Auf Seite 31-32 haben wir uns unter dem Titel «FKK als Trendsetter» mit den Körper- und Schönheitsidealen der Freikörperkultur auseinandergesetzt. Dabei spüren wir den Verbindungen des «schönen» Körpers mit den Auffassungen einer «gesunden», «natürlichen» und «selbstverantwortlichen» Lebensweise nach. Welchen Einfluss hatte die Entkleidung des Menschen um 1900 auf die Wahrnehmung des eigenen Körpers und hat die Freikörperkultur mit ihren Konzepten und Praktiken den aktuellen Trend der Selbstvermessung und des «formbaren Körpers» vorweggenommen?

 

Die komplette universitas-Ausgabe mit dem Artikel zur Schönheit in der Freikörperkultur ist online verfügbar. Hier geht es direkt zum PDF.

Tagung Mühsam in Meiningen

Die Verbindungen zwischen Anarchismus und Lebensreform wurden bisher kaum untersucht. Die Fachtagung „Erich Mühsam in Meiningen. Ein historischer Überblick zum Anarchosyndikalismus in Thüringen: Die Bakuninhütte und ihr soziokultureller Hintergrund“ (11.06.15-14.06.15) machte aber deutlich, dass es verblüffende Übereinstimmungen zwischen diesen Denkweisen gibt.  (Zum Flyer…)

Die Vorträge wurden durch einen Besuch der Ausstellung „‚Sich fügen heißt lügen!‘ Erich Mühsam, Anarchisten in Meiningen und die Bakuninhütte“ im Schloss Elisabethenburg in Meiningen (eine gewisse Ironie lässt sich bei diesem Ausstellungsort nicht absprechen) und einen Ausflug zur Bakuninhütte auf der Hohen Maas komplementiert.

Erich Mühsam (06.04.1878 in Berlin geboren – 10.07.1934 im KZ Oranienburg ermordet) war nicht nur Anarchist, er pflegte auch vielfältige Beziehungen zur europäischen Bohème und zu lebensreformerischen Kreisen. So besuchte er auch mehrmals den „Monte Verità“ und hinterliess einige amüsante literarische Zeugnisse über das Leben der Siedler, Vegetarier und Sonnenanbeter in Ascona (u.a. ein "alkoholfreies Trinklied" 1905). Eine seiner unzähligen Reisen führte ihn auch in das thüringische Meiningen. Dort hatte sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg die anarchosyndikalistische Bewegung ausgebreitet. Eine Ortsgruppe der „Freien Arbeiter-Union Deutschlands“ (FAUD) begann in der Krisenzeit ein Stück Land auf der Hohen Maas zu bewirtschaften, um die Versorgungsengpässe zu mildern. 1925 wurde eine Schutzhütte errichtet, die später in mehreren Etappen ausgebaut wurde. Die Bakuninhütte wurde in der Folge nicht nur für Anarchisten, sondern auch für Akteure aus dem Spektrum der Jugend- und Lebensreformbewegung zu einem Anziehungsprunkt. Neben Vorträgen, Wochenendausflügen und Ferienlagern wurde auch eine „Arbeiterkolonie“ geplant. Auch das Nacktbaden gehörte dazu. Die Nationalsozialisten beendeten jedoch 1933 sämtliche anarchistischen und lebensreformerischen Aktivitäten auf der Hohen Maas. In den folgenden Jahrzehnten wechselte der Besitzer der Hütte mehrfach: Nach der Nutzung durch NS-Jugendorganisationen ging sie zwischenzeitlich in Privatbesitz über. Mit dem Kriegsende folgte die Nutzung durch die FDJ, in den 1960er Jahren durch die „Natur- und Heimatfreunde" und schliesslich wurde sie Teil eines Übungsgelände der „Bereitschaftspolizei“ der DDR. Nach der Wende machten sich Anarchisten aus dem Westen und Jugendgruppen aus der Region auf die Suche nach der Bakuninhütte. Damit Begann die Wiederentdeckung eines fast vergessenen Ortes: Um den Verfall zu stoppen wurde die Hütte 2005 gekauft und der Unterstützungsverein „Wanderverein Bakuninhütte e.V.“ gegründet.

Zur Seite der Veranstaltungen "Mühsam in Meiningen"

Zur Seite des "Wandervereins Bakuninhütte e.V."

Mathildenhöhe

Nach der Tagung in Loheland blieb noch Zeit für einen kurzen Abstecher nach Darmstadt zur Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe. Spätestens seit der Ausstellung «Lebensreform – Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900» und dem dazugehörigen Band (2001, hrsg. durch Kai Buchholz u.a.) ist die Darmstädter Künstlerkolonie eng mit der Erforschung der Lebensreformbewegung verbunden.

1899 durch Grossherzog Ernst Ludwig von Hessen ins Leben gerufen, sollte die Kolonie Raum für Künstler bieten, die nicht nur Werke für Galerien und die Landhäuser der Adligen schaffen, sondern mit ihrer Kunst in alle Bereiche des Lebens eindringen wollten. Dieser umfassend verstandene Kunstbegriff lässt sich heute noch an den Ausstellungsstücken im sehr empfehlenswerten, kleinen Museum der Künstlerkolonie erahnen. Nicht nur die Architektur, auch sämtliche Einrichtungsgegenstände eines Haushaltes wurden bis ins letzte Detail durchdacht. Mit ihren Naturmotiven, geschwungenen Formen, Sonnendarstellungen und nackten Körpern teilten die Darmstädter Künstler die ästhetischen Vorlieben der Lebensreformer. Der Erste Weltkrieg setzte der Künstlerkolonie jedoch ein jähes Ende. Im Vergleich zum viel langlebigeren und auf wesentlich praktischere Anwendungen fokussierten Loheland drängt sich die Frage auf, wie viel Lebensreform neben der geteilten Ästhetik und dem gleichklingenden Welterneuerungspathos tatsächlich in der Darmstädter Künstlerkolonie zu finden war. Oder ob die starke Verortung im lebensreformerischen Komplex ähnlich wie beim Monte Verità eher auf eine nachträgliche Mythologisierung zurückzuführen ist. Im April 2016 bietet eine wissenschaftliche Tagung die Möglichkeit, solche und weitere Frage – insbesondere mit Blick auf die Weltkulturerbe-Bewerbung – zu diskutieren.

Zur Seite der Künstlerkolonie Mathildenhöhe

Zur Weltkulturerbe-Bewerbung und wissenschaftlichen Tagung

Tagung Loheland

Am 29. und 30. Juni 2015 fand in Loheland bei Fulda die Tagung «Was Häuser und Wege erzählen. Die Frauensiedlung Loheland im Kontext der Moderne des 20. Jahrhunderts» statt. (Zum Flyer...)

Diese Tagung markiert den Beginn einer Wiederentdeckung eines bedeutenden lebensreformerischen Erinnerungsortes. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz für eine Gymnastikschule kauften Louise Langgaard und Hedwig v. Rohden 1919 das Grundstück auf einer Anhöhe in der Rhön. Innert weniger Jahre entstand eine umfangreiche Streusiedlung mit heute über 50 Einzelbauten. Neben der Gymnastikschule wurden handwerkliche Lehrbetriebe und eine Doggenzucht aufgebaut. Zudem gehörte Loheland zu den Pionieren der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Die Ausbildung in Loheland sollte jungen Frauen ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Vor allem als Gymnastiklehrerinnen machten sich die Loheländerinnen noch lange Zeit einen Namen. Eng verbunden mit der Jugendbewegung, führender Reformpädagogen und Ausdruckstänzerinnen, den Vertretern des Bauhauses und in engem Kontakt mit anderen Reformsiedlungen wie Hellerau, Dornach und Worpswede, gehörte Loheland in der Zwischenkriegszeit zu den Knotenpunkten der europäischen Lebensreformbewegung.

Mit 1933 endete auch in Loheland eine Ära. Nicht mehr die Ausbildung junger Frauen zu einem selbstbestimmten Leben, sondern systemkonformes Wandern, Singen und Basteln mit Jungmädeln und Bund Deutscher Mädel stand auf dem Plan. Während sich Louise Langgaard mit der neuen Situation arrangierte, verliess Hedwig v. Rohden die Siedlung und kehrte erst Jahrzehnte später zurück. Doch im Unterschied vieler anderer Orte der Lebensreform konnte die hessische Frauensiedlung nach 1945 an die Reformprojekte der Zwischenkriegszeit anknüpfen. Neben der Gymnastikausbildung begann der Aufbau einer anthroposophischen Schule, die heute im Zentrum des Engagements der Siedlung steht.

Wie kaum eine Siedlung im Kontext der Lebensreform ist Loheland auch heute noch mit Leben erfüllt. Neben dem Schulbetrieb sind auch die handwerklichen und landwirtschaftlichen Unternehmungen immer noch aktiv. Die historische Erforschung Lohelands befindet sich erst am Anfang. Ein grosses Archiv wartet noch auf seine Bearbeitung. Auch die Denkmalschützer haben noch eine grosse Aufgabe vor sich. Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Aufarbeitung der Geschichte Lohelands wurden bereits angekündigt oder sind in Planung.

Zur Seite der Denkmalpflege Hessen

Zur Seite der Loheland-Stiftung

Vortragsreihe Anders Leben

Im Rahmen des SNF-Forschungsprojekts "Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert" fanden an der Uni Freiburg zwischen dem 15. April und 6. Mai vier Vorlesungen unter den Schlagworten "Ernährung und Vegetarismus", "Nature et civilisation", "Körper und Nacktheit" und "Gemeinschaft und Selbstbestimmung" statt. Nach einstündigem Vortrag und Diskussion folgte ein vegetarischer Lunch mit Sandwiches und Fruchtsäften, der Raum für weitere Gespräche und Anregungen bot.

Die Veranstaltungen stiessen auf grosses Interesse, sowohl bei Studierenden, wissenschaftlichen Mitarbeitenden und ProfessorInnen, wie auch bei ausserakademischen BesucherInnen. Im Verlauf der Vorlesungsreihe folgten über 100 Gäste den spannenden Referaten über die Bedeutung des Birchermüeslis für die vegetarische Ernährung in der Schweiz, den Naturismus in Frankreich, die Entstehung der Freikörperkultur in Deutschland und die transnationale Geschichte der Kooperativen Longo Maï. Die Vorlesungsreihe konnte während vier Wochen abwechslungsreiche Themen, umstrittene Forschungsfragen und zeitlose Kontroversen präsentieren und das Interesse für einen aktuellen Forschungsschwerpunkt des Studienbereichs Zeitgeschichte wecken.

 

An dieser Stelle möchten wir uns nochmal herzlich beim Institut für schweizerische Zeitgeschichte und dem Fonds d'action facultaire (FaF) der philosophischen Fakultät bedanken, die diese Vorlesungsreihe ermöglicht haben. Auch den motivierten Referenten und den zahlreichen Gästen möchten wir für das lebhafte Interesse und die spannenden Diskussionen danken.

Vortragsreihe "Anders Leben"

15. April bis 6. Mai: Vier Vorträge im Rahmen des SNF-Forschungsprojekts "Die Lebensreformbewegung in der Schweiz im 20. Jahrhundert" an der Uni Freiburg.

Die Suche nach einem anderen, einem «natürlichen» Leben ist nicht neu. Unter dem Motto «zurück zur Natur» wurde im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder nach Alternativen zur urbanen Industrie- und Konsumgesellschaft gesucht. Ob Vegetarismus, Naturismus, Freikörperkultur oder Siedlungsprojekte – die Vortragsreihe wirft einen Blick auf Ideen und praktische Versuche, andere Lebensweisen zu gestalten.

 

Wann: jeweils mittwochs vom 15. April bis 6. Mai 2015 zur Mittagszeit (12.15 – 13.30 Uhr).

Als Lunch werden Brown Bags mit vegetarischem Essen serviert.

Wo: Universität Freiburg, Miséricorde, MIS 4112 (Salle Jäggi) oder MIS 2029 (Salle de cinéma).

 

Die Vortragsreihe steht allen Interessierten offen (freier Eintritt).

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Tagung in Dresden

Die Gartenstadt Hellerau gehört zu den bedeutendsten Erinnerungsorten der Lebensreform. 1909 durch Karl Schmidt gegründet zog Hellerau Reformer aus ganz Europa an. Der Schweizer Komponist und Musikpädagoge Emile Jaques-Dalcroze machte das Festspielhaus Hellerau zu einem Zentrum des Ausdruckstanzes.

Auch das Deutsche Hygiene-Museum erinnert mit seiner Mischung aus Neoklassizismus und Bauhaus an die Reformarchitektur Helleraus. Die Ausstellungsstücke, die teilweise noch aus den Hygiene-Ausstellungen der 1920er und 1930er Jahre stammen, verweisen auf die Begeisterung für Körper und Gesundheit dieser Zeit, die auch für die Lebensreform prägend war.

Vortrag In Dresden

Kreise – Bünde – Intellektuellen-Netzwerke. Formen bürgerlicher Vergesellschaftung und politischer Kommunikation 1890-1960.

 

Tagung am 27./28. März 2015, veranstaltet von der Professur für Neuere und Neueste Geschichte und Didaktik der Geschichte, Technische Universität Dresden, und der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung am 27./28. März 2015. (weitere Informationen...)

 

27. März, 16.00 – 17.00 Uhr: 

Eva Locher/Stefan Rindlisbacher: „Innere Verwandtschaft braucht keine Organisation“ - der „Schweizer Lichtbund“ von den 1920er bis zu den 1960er Jahren

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Monte Verità

Wie kaum ein anderer Ort der Schweiz ist der "Monte Verità" in Ascona mit den Utopien der Lebensreform verbunden. 1900 als Vegetarierkolonie gegründet, entwickelte sich der "Berg der Wahrheit" zu einem naturheilkundlichen Sanatorium und später zu einem transnationalen Anziehungspunkt für Intellektuelle, KünstlerInnen und Weltverbesserer. Vor allem die grossen Namen der BesucherInnen haben den Mythos "Monte Verità" begründet: Hermann Hesse, Max Weber, Ernst Bloch und Otto Gross waren dort. Die Dadaisten um Hans Arp, Hugo Ball und Emmy Hennings flohen vom Ersten Weltkrieg in die heile Welt des "Monte Verià". Rudolf von Laban brachte die Koryphäen des Ausdruckstanzes nach Ascona und nachdem in den 1920er Jahren der Bankier Eduard von der Heydt die Überreste der alten Siedlung gekauft hatte, traf sich die europäische "high society" im 1929 durch Emil Fahrenkamp erbauten Bauhaus-Hotel.

Von Anfang an oszillierte der "Monte Verità" zwischen Experimentierraum für alternative Lebensweisen und bürgerlichem Sehnsuchtsort. Mit der Ausstellung "Mammelle delle verità" belebte der Kurator Harald Szeemann 1978 den Mythos "Monte Verità" neu. Wieder zog die Idee eines "anderen Lebens" Aussteiger, Hippies und Träumer nach Ascona. Heute wird das alte Bauhaus-Hotel auf dem kleinen Hügel über Ascona als Konferenzzentrum der ETH Zürich genutzt. Seit 2013 bietet die ehemalige Vegetariersiedlung jährlich die Kulisse für ein internationales Literaturfestival. In den 2010er Jahren scheint damit wieder die Zeit der "high society" auf dem "Monte Veritè" angebrochen zu sein. Zwar wird immer noch über "Utopien" diskutiert, aber den "Dämonen" wurde an der zweiten Ausgabe des Festivals deutlich mehr Raum gewährt. (Mehr Informationen zum Eventi letterari 2014...)